Geteiltes Pathos

Erkenntnistheoretische Überlegungen zum Konzept der Ähnlichkeit

 

Prof. Alberto Panza

 

In einem der grundlegenden Werke der Philosophie des 20.Jhrdrts schrieb Martin Heidegger, dass der Wert einer Wissenschaft sich in ihrer Fähigkeit zeigt, wie sie periodische Revisionen ihrer Grundkonzepte toleriert, ohne sich aufzulösen. Diese Flexibilität ist natürlich notwendig, weil sich der erkenntnistheoretische Rahmen ständig verändert. (1)

Unter dem Druck der unvermeidlichen, erkenntnistheoretischen Veränderungen kann eine solche Lehre, ja sogar der Einzelne in den Zustand einer Krise geraten, die sich ganz typisch in zweierlei Formen manifestieren kann, in dem

 

=Verlust des heuristischen Potenzials und dem Zusammenbruch des wissenschaftlichen

Rahmens

=Widerstand gegen den Wandel und Rückzug in eine starre und unkritische Verteidigung

grundlegender Konzepte, die dadurch ihren Wert als Paradigmen verlieren und so zu Dogmen

werden.

 

Dieses Kapitel stellt eines der zentralen Paradigmen des homöopathischen medizinischen Denkens in den Mittelpunkt, das Konzept der Ähnlichkeit, nicht aus der Sicht klinischer Wirksamkeit -das wird an anderer Stelle im vorliegenden Band ausgeführt- sondern als Entgegnung auf die gegenwärtige Erkenntnistheorie und besonders die Komplexitäts- Theorie.

 

Jede therapeutische Handlung, schrieb Francois Laplantine, beruht auf der Suche nach Entsprechungen.

Sowohl in der traditionellen Medizin als auch in der wissenschaftlichen Medizin gibt es den ständigen Versuch, eine Verbindung herzustellen zwischen dem, was die Wissenschaftler den pathologischen Komplex nennen (das kann die erkrankte Person sein oder eine funktionale Einschränkung) und dem therapeutischen Komplex (die Kombination verschiedener Handlungen und Instrumentarien, die eine angemessene Behandlung beschreiben) (2)

 

Die bekannte Hahnemannsche Formel „ similia similibus curentur“ beschreibt eine Art natürlicher Beziehung, eine tiefgehende Verbundenheit zwischen dem Arzneimittel und dem Behandelten, eine abgeleitete Formel, die elegant ist und suggestiv, aber auch rätselhaft. Unter welchem Gesichtspunkt ist die Ähnlichkeit zu verstehen? Wem oder was ähnlich? Wie Massimo Mangialavori feststellt: “Das Ähnlichkeitsprinzip kann auf verschiedenen Ebenen angewandt werden.“

 

Die oberflächlichste oder lediglich phänomenologische Ebene sucht die Entsprechung durch einen Isomorphismus der hervortretenden Symptome zu begründen. Eine Korrelation wird zum Beispiel hergestellt zwischen den Symptomen eines Patienten und denen, die während einer Prüfung an einer gesunden Person auftreten. Zu einem homöotherapeutischen Modell zusammengestellt bedeutet das, dass die fundamentale Überlegung eine kontrollierte therapeutische Krise ist, die in derselben Richtung wirkt wie die Krankheit. (3)

Der Begriff „Homöotherapie“, auf die die Homöopathie keineswegs beschränkt ist, ruft ein Gefühl von geteiltem Pathos hervor, eine Resonanz auf dem Prinzip der Sympathie zwischen zwei organisierten Systemen, die zum einen als „Arznei“, zum anderen als „Patient“ bezeichnet werden könnten.

Das ähnliche Thema einer geheimen Entsprechung zwischen dem Menschen und dem Anderen, der außermenschlichen Wesenheit, kommt im Biom, einem weitverbreiteten anthropologischen Konzept vor. Als außermenschlich wird hier die eins zu eins (exakte) Übereinstimmung, die in höchstem Maße individualisiert ist, verstanden: für jede Person gibt

es ein bezeichnetes Anderes und die beiden bilden eine kraftvolle Resonanz.

Diese Übereinstimmung, vom Ethnologen Lucien Lévy-Bruhl als „participation“ bezeichnet, findet sich als Grundlage der meisten rituellen und magischen Praktiken. (4)

Der Komplex der Glaubenslehren, der als Totemismus bekannt ist, stellt ein augenfälliges Beispiel unter vielen dar. Totemismus beruht auf der Vorstellung einer innigen Beziehung zwischen einem Einzelnen oder einem Clan und einem Tier, einer Pflanze oder einem Gegenstand der natürlichen Welt. Es ist ganz genau eine solch hoch individualisierte Übereinstimmung, die eine schützende und heilende Wirkung erzielt. (Für den zeitgenössischen Beobachter interessant: eine Traumreise kann die Entdeckung des eigenen Totems bewirken. (5)

 

In traditionellen Gesellschaften wirkt das Ähnlichkeitsprinzip nicht nur auf das Ritual bezogen, sondern wirkt auch als echtes Erkenntnisprinzip. Giorgio Raimondo Cardona, einer der bekannteren Größen der Völkerkunde, betont, wie das Ähnlichkeitsprinzip überraschend genaue und spezifische Kenntnis der natürlichen Welt hervorruft. Das geschieht nicht nur in größeren Kulturverbänden sondern auch in kleinen Stammesgesellschaften.

Solches Material in einer Sammlung zusammengetragen wäre ein erhebliches Konvolut. Es würde eine ziemlich genau ausformulierte und gegliederte Taxonomie notwendig machen, vorwiegend ausgebaut nach „kohärenten Gedankensystemen, die durch Entsprechungen zwischen Elementen verschiedener Ebenen gekennzeichnet sind.“(6)

Leider wird dieses reiche Erbe der traditionellen Gesellschaften und ihrer Kulturen zu oft und auf zweierlei gegensätzliche Arten entstellt und seiner heuristischen Wirkmächtigkeit beraubt: als nur intellektuelle Kuriosität oder als Mittel zum Beweis eines Konzepts oder Prinzips. (7)

Um letzteres zu erläutern könnte man eine Analogie erstellen zur reichhaltigen Ressource der individuellen persönlichen Mythologien. Als psychosozialer Datensatz beweist er als solcher nichts. Jedoch unter Anwendung kritischer Intelligenz eröffnet sich eine Vielzahl gedanklicher Möglichkeiten. Bei weiterer Ausarbeitung dienen sie als ausgezeichnete Beispiele von rätselhaften (Schlüssel) Elementen des Lebens. (8)

Die Informationen, die die traditionellen Kulturen anbieten, sind oft zu isoliert, reduziert und schematisiert (wenn nicht gar trivialisiert), um Anlass für suggestive Möglichkeiten zu bieten.

Zur Erklärung mag das Beispiel der BaMbuti und der Bantu dienen. Der Horizont, der für sie das Leben wiedergibt, ist für die Pygmäen des BaMbuti- Stammes des Ituri- Waldes (Zentralafrika) der Wald, von dem sie Unterstützung und Schutz erhalten. Der Wald ist dabei auch die Quelle für Myriaden von bösartigen Erscheinungen wie Krankheit, Leid und Tod. Das geschieht nicht durch böswillige Absicht, sondern durch einen vorübergehenden Mangel: wenn der Wald nachts schlafen geht, verliert der Mensch die Unterstützung und den Schutz des Waldes und ist daher den Angriffen des Bösen ausgesetzt. (9)

Um das zu vermeiden, muss der Wald bei Sonnenuntergang mit einem sanft dröhnenden Lied geweckt werden, um so den heilbringenden Kontakt wieder herzustellen. In der benachbarten Volksgruppe der Bantu hingegen kommt das Übel von einer übelwollenden Gottheit, die „der den Waffenstillstand (die Unterwerfung!) durchsetzt“ genannt wird. Diese Gottheit steht bei jedem Menschen auf der Schulter wie der griechische Dämon, für den Einzelnen unsichtbar, aber untrennbar verbunden mit seinem Schicksal. Dieses Beispiel unterstreicht, wie scheinbar willkürlich, abwegig und dadurch einzigartig zwei traditionelle Naturreligionen sein können. Weil diese beiden Kulturen in einem lange währenden Austausch stehen, könnte man einen gewissen Grad an gegenseitigem Einfluss annehmen in Fragen von grundsätzlicher Bedeutung: des Ursprungs von Krankheit und Leid. Jedoch sind ihre konzeptionellen Auffassungen beinahe entgegengesetzt. Mit anderen Worten, ihre beiden Sichtweisen sind nicht nur entgegengesetzt, sondern auch schwer zu vereinen innerhalb eines einfachen umfassenden Schemas, obwohl sie über einen ziemlich langen Zeitraum als Nachbarn nebeneinander gelebt haben. Das legt den Schluss nahe, dass eine intelligente Erforschung eher offene Horizonte für die Assoziation zulassen sollte, statt vorgegebener Rahmen der Bestätigung, d.h. der Annahme dass benachbarte Stämme automatisch einen Zusammenschluss in bedeutenden Gebieten ihrer jeweiligen Kulturen vorweisen.

 

 

In Modellen therapeutischer Handlungen, wie auch in der Anthropologie der Krankheit entdecken wir noch mehr Gegensätze: Adorzismus und Exorzismus; additive und subtrahierende Verfahren; Exzitation (Evozierung) und Sedation; Homöopathie und Allopathie. (Es ist interessant festzustellen, dass Exorzismus, ein gängiges Mittel in vielen

therapeutischen Zauberritualen, die einen Überfall durch das Böse oder einen Angriff durch einen gegnerischen Kämpfer annehmen, Ähnlichkeit zeigt zu biomedizinischen Bemühungen, bestimmte Erkrankungen durch hypertechnologische Mittel auszurotten.(an der Wurzel zu bekämpfen). Wie am Beispiel aus Zentralafrika zu erkennen ist, geben sich solche gegensätzliche Ansichten nicht für Verallgemeinerungen und Schematisierungen her.

 

Das Bild der BaMbuti- Kultur vom nächtlichen Erwecken des Waldes hat etwas Betörendes, Herausforderndes, etwas Poetisches. Es drückt die Idee einer Verbindung aus zwischen dem Überleben des Bösen und dem Mangel an Kohärenz und Kontakt zwischen einzelnen Teilen und dem Gesamtganzen, als ob ein disharmonischer Zustand zwischen einem Einzelwesen und dem großen Atem der Schöpfung (physis) bestünde Inzwischen erinnert uns das Konzept der Bantu-Kultur daran, dass die Entropie im Kern unseres vorläufigen Zustands der Leiblichkeit eingebettet ist. Die Leiblichkeit/Wald ist die Wiege all dessen was lebt; und der Mensch existiert nur dank der ständig neuen Kombination oder besser durch die Zyklen (Kreisläufe) der Organisation, Desorganisation und Reorganisation. Auf Dauer kann kein Wald den Einzelnen vor dem Schicksal schützen, das im Gesamtwerk(Korpus) der Schöpfung (des Schöpfers)(„der der nahebei lauert“) verzeichnet ist, das Schicksal, dem sich letzten Endes auch der Wald ergeben wird. (10)

 

Ist es nötig eine dieser Kampflinien zu wählen? Anstatt den Nachweis (die Evidenz) in der anthropologischen Bezeugung der einen oder anderen These zu suchen, ist es scheinbar vorzuziehen, offene Horizonte zu suchen gegenüber dem, was vorgeschlagen wird, statt sich dem Vorurteil des binären Codes des richtig/ falsch hinzugeben, dem Ursprung aller Vereinfachung.

 

Die Tatsache, dass das Konzept der Ähnlichkeit so weit in der anthropologischen Überlieferung verbreitet ist, sollte an sich doch eine Form von Bestätigung seiner Gültigkeit sein. Das Argument gegen diese Bestätigung kann doch nicht nur durch die

Tatsache der traditionellen Kulturen gegeben sein.

 

Man könnte argumentieren, dass dieses Konzept trotz seiner weiten Verbreitung nicht mehr ist, als eine fesselnde und überzeugende Erzählung, eine schon lange andauernde animistische Fantasie, die nur schwerlich zu den Koordinaten unserer aktuellen Erkenntnis passt. Von diesem Standpunkt ist es ein Aberglaube, eine Superstition, im etymologischen Sinn: das, was überlebt und wie eine leere Schale, die den Beziehungskontext verloren hat und übrig bleibt.

 

Selbst hier müsste man sich fragen, wie dieses Überleben erfolgt. Wie erfährt es Unterstützung? Viele Antworten könnten bedacht werden, von den abgegriffenen und den banalsten zu den poetischsten. Vielleicht liegt die Schwierigkeit ja in unserem begrenzten Kontext. Wie ein feinsinniger theoretischer Psychoanalytiker einmal anmerkte, ist unsere Neigung, die Erfahrung des Selbst auf den psychosomatischen Umfang des Individuums zu begrenzen, neueren Ursprungs. Der weiter verbreitete Vorläufer war dieTendenz, die Identität über etwas Anderes – nicht- Menschliches oder über- Menschliches - zu erfahren. (11)

 

Sollte das Prinzip der Ähnlichkeit lediglich als eine Metapher gesehen werden (wo sich das Subjekt durch ein Anderes als Gegenentwurf zum Eigenen darstellt?

Zunächst wäre das vermeintlich Einfache des Begriffs Metapher zu hinterfragen, vor allem bei der gegenwärtigen Sichtweise, dass Metaphern nicht lediglich zierende Ornamente, sondern ziemlich wichtige Werkzeuge des Denkens sind. (12)

So gesehen, bekommen Elemente des realen wirklichen Lebens, d.h. die harten Schicksalsschläge des Lebens die -weil angeboren- oft nur sehr schwer zu entschlüsseln/verstehen sind, eine erklärende Darstellung. (13)

 

Zweitens können wir beobachten, dass nach der homöopathischen medizinischen Lehre das Heilmittel nicht nur eine Metapher ist, durch die eine Person repräsentiert wird, sondern vielmehr hängt der therapeutische Nutzen von einer Vielzahl von Entsprechungen (Korrespondenzen) ab, die sowohl strukturell als auch dynamisch sind. Diese engen Entsprechungen zwischen dem System Patient und dem System Mittel lassen erstere empfänglicher werden für therapeutische Wirkung des letzteren. Die homöopathischen Symptome beschreiben nicht nur jene pathologischen Prozesse, von wo aus man zu einer Semiotik gelangen kann, sondern wichtiger noch beschreiben sie die Funktion des lebenden Systems. Mit anderen Worten sie verweisen nicht nur auf das Kranke, sondern auch auf das Gesunde, nicht nur auf den abwehrenden Mechanismus, sondern auf den kompensatorisch und heilenden; nicht nur auf den verletzlichen Kern sondern auf die hervorstehenden gefühlsmäßigen Schwingungen.

 

 

Durch all dieses Material lassen sich – ohne den Anspruch auf Vollständigkeit- einige grundsätzliche Vorgänge definieren bezüglich der Art und Weise, wie der einzelne seinen Körper bewohnt und seine räumliche Umgebung. So gesehen nimmt das homöopathische Mittel das vorgefertigte anthropologische Modell vorweg, das wiederentdeckt werden kann in der vom System „Patient“ gemachten Erfahrung. Dennoch kann man fragen, ob es für den ernüchterten postmodernen Menschen, der in einer technisierten Welt lebt, in einem von seiner Heiligkeit beraubten Universum überhaupt möglich ist, in Begriffen wie Übereinstimmungen und Einklang mit außer-menschlichen Einheiten aus der natürlichen Welt zu denken.

 

Ist nicht das Verschwinden oder die tiefgehende Verwandlung der Landschaft in der darstellenden Kunst des 20. Jahrhunderts ein Anzeichen für eine unumkehrbare Distanzierung von der Natur und seine Ersetzung durch die Technosphäre als eine neue Art von Habitat? Im Zusammenhang mit einem starren Naturalismus wird das Prinzip der Ähnlichkeit nichts als ein naiver Anthropomorphismus, wobei menschliche Eigenschaften auf eine Erfindung nicht menschlicher Wesen nach Art der Disney Cartoons projiziert werden.

 

 

Es ist in diesem Zusammenhang wichtig sich daran zu erinnern, welche radikalen, grundlegenden Paradigmenwechsel es im 20.Jahrhundert gegeben hat- einen wahren erkenntnistheoretischer Bruch – in den Naturwissenschaften. Den Anfang dieses Bruchs bildete die allgemeine Systemtheorie, gefolgt von der dynamischen Systemtheorie und der Chaostheorie, um bei der Komplexlehre anzukommen. In den vorliegenden Ausführungen ist nicht der Raum, um diesen epochalen Wandel darzustellen. Es muss genügen darauf hinzuweisen, dass die Paradigmen der biologischen und physikalischen Studien es gestatten, wie von Ilya Prirogine ausgeführt, von „einem neuen Dialog des Menschen mit der Natur“ zu sprechen. (14) Dieser Dialog bedient sich dessen, was der Gelehrte als „ein neues wissenschaftliches Vokabular: das Vokabular der Komplexität“ bezeichnet.(15)

Die Ausdrucksstärke dieses Vokabulars überwindet die klassische Unterscheidung von Systemen, die einfach oder komplex sein können, offen oder geschlossen, zufällig oder organisiert.

 

Diese dichotome Gegenposition wird ersetzt durch eine pluralistische Sicht auf die physische Welt, in der Entropie und Dysentropie, Determinismus und Stochastik Seite an Seite existieren. Das eröffnet enorme Möglichkeiten in der Begegnung und Verbindung zwischen verschiedenen Wesensarten und Zuständen in der physischen Welt. Natürlich verkennt das nicht die möglicherweise großen Unterschiede zwischen den Systemen, aber solche Unterschiede bilden keine Gegenposition (Antithese). Das gemeinsame Problem ist hier die Neigung, Dichotomien zu bilden, das, was anders ist, in einen dualistischen Gegensatz zu bringen: Anthroposphäre gegen Biosphäre; organisch gegen anorganisch, Denken gegen Instinkt, Geist gegen Körper. Es spiegelt die Schwierigkeit wider das Verstehen im etymologischen Sinn (Anmerkung des Ü: hier folgt eine Erklärung des ital.com-prendere, das sich im englischen am Wort com prehend nachstellen lässt! Etwas zusammen nehmen!)

Aus dieser Sicht repräsentiert der Dualismus eine Schwierigkeit, sich mit der realen Welt auseinanderzusetzen, ohne sie zu leugnen. Schließlich stellt der Dualismus nicht die Annahme von Unterschiedlichkeiten dar, sondern deren Leugnung; es ist der Versuch, die verwirrende Idee, dass Gegensätze zu einander gehören, auszutreiben und auszulöschen. (16)

 

Die Komplexitäts- Theorie ist eine relativ neue Entdeckung, deren Erkenntnisse noch nicht völlig unsere etablierten Denkweisen und unsere Reaktionen auf die vielfältigen Manifestationen in der Natur durchdrungen haben. Dennoch ist es laut Prigogine nicht besonders schwierig, unser Finanzsystem, unsere Sprache, das Gehirn eines Säugetiers, ja selbst die unscheinbarste Bakterie als ein komplexes System zu begreifen.17

Er fährt fort, in dem er ein interessantes Beispiel vorschlägt: ein Kubikzentimeter eines Gases oder einer Flüssigkeit wird mit einer kleinen Änderung des Bewertungsmaßstabs als erstaunlich komplexes Aggregat verstanden. Wir wissen, dass bei einem Druck von760 mm Quecksilber und einer Temperatur von 0 Grad Celsius ein Mol eines jeden Gases die gleiche Anzahl von Molekülen enthält nach der Avogadroschen Zahl (6.02x1023), die sich in alle möglichen Richtungen fortbewegen und dabei fortwährend miteinander kollidieren. „ Ist das aussagekräftig genug, um zu sagen, dass das ein komplexes System darstellt?“ fragt Prigogine(18) Man könnte sagen, dass ein solches Mikrosystem (oder je nach Standpunkt Makrosystem) ein unorganisiertes und unregelmäßiges Verhalten aufzeigt, willkürlich und mechanisch. Physiker nennen es molekulares Chaos wegen des Fehlens jeglicher koordinierten Aktivität. Aber es ist (doch noch) genug, um eine thermische Dishomogenität herbeizuführen und bei der Hervorbringung einer organisierten Komplexität zu unterstützen: der Hervorbringung einer harmonischen verzweigten Struktur: einer Schneeflocke. Der Wissenschaftler fasst zusammen, dass der Unterschied zwischen einfach und komplex, zwischen willkürlich und organisiert weniger klar ist als allgemein angenommen.

 

 

Die Theorie der autopoetischen Systeme aus dem Bereich der Biologie und der Neurobiologie stellt den nächsten wichtigen Paradigmenwechsel dar. Diese Theorie enthüllt, dass lebende Systeme sich auf vernetzte Verbindungen stützen, aus denen sie bestehen: „ die Verknüpfung bildet das Geflecht des Systems“ schrieben Humberto Maturana und Francisco Varela in ihrem bekanntesten Werk „ Autopoesie und Erkenntnis“ Darin führen sie aus, dass der traditionelle Ansatz der Biowissenschaften, die sich auf immer genauere Einheiten der Unterscheidung (und der Aufspaltung) stützen, am Ende das grundlegendste Kriterium für lebende Systeme außer acht lassen: ihre Interaktivität.(19)

 

Alle solche lebenden Systeme hängen vom Unterhalt einer organisierten funktionalen Struktur ab, um überleben zu können. Diese hängt wiederum von ihrer Fähigkeit zur Eigenbeobachtung ab, um sich gegen eventuelle Störungen zu stellen, die das System zu destabilisieren drohen. Wenn die Desorganisation jedoch eine bestimmte Schwelle überschreitet, kann das System nicht länger seine übliche Struktur und Funktion beibehalten. Von hier an de-strukturiert es und wesentliche Teile treten in einen Kreislauf der Reorganisation ein, wobei sie „herumspielen“ und auf neue komplexe Weise zusammenfinden. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Selbstorganisation innerhalb einer plastischen, dynamischen, kohäsiven Struktur funktioniert, bis bestimmte Grenzen überschritten werden; dann entwickelt das System eine neue Struktur und Organisation. Zusammenfassend, ein solcher Prozess verdeutlicht die beiden grundsätzlichen Aspekte von Lebewesen: Kontinuität und Diskontinuität.

 

Diese Diskussion ruft das Werk des Gregory Bateston auf dem Feld der Psychoanthropologie in Erinnerung, insbesondere seine Ausweitung der semantischen Konzeption des Geistes.(20) Sich auf verschiedene komplexe Perspektiven stützend, die die anthropologische Theorie anbietet unterstreicht Bateston emphatisch, wie der Begriff „Geist“ ausgedehnt werden könnte, um die Fähigkeit zur Organisation und im besonderen Selbstorganisation in jedem Lebewesen zu umfassen. Von diesem Standpunkt scheint die Eingrenzung der Konzeption des Geistes auf die von Descartes nicht nur einengend, sondern auch nicht nachvollziehbar. Mit anderen Worten: in diesem weiteren Verständnis kann und sollte Geist auch Pflanzen und Tieren zugesprochen werden, wie das in der großen Mehrheit der traditionellen Kulturen auch geschieht. Diese Sichtweise enthüllt unsere Neigung zu anthropozentrischem Kolonialismus, eine Tendenz, die zur Selbstüberschätzung führt – wie durch göttliches Recht oder in der absoluten Monarchie- und zu dem Glauben von der Ausschließlichkeit des Geistes als ein Mittel, die räuberische Vorherrschaft unserer Art zu rechtfertigen. (21)

Die sogenannte ontologische Einsamkeit des Menschen – die entweder als Privileg oder als Fluch gewertet werden kann (oder beides) und seine radikale Unvergleichbarkeit mit anderen Lebewesen wird seit kurzem aus der Sicht der neuen wissenschaftlichen Disziplin, der Zooanthropologie betrachtet. Dieses Forschungsfeld hat sich in Europa und den USA erst am Ende der1980er aufgetan. (22)

Nachdem es in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends einen genaueren Forschungsansatz ausgearbeitet hat, wurde es neu definiert als Posthumanismus. (23) Der posthumanistische Ansatz schlägt eine grundlegende Kritik der anthroposophischen Vorherrschaft und deren isolationistischen Prinzipien vor; inzwischen befürwortet sie die Überwindung unserer Reinheit als (menschliches) Wesensmerkmal und der Vorherrschaft der Anthroposphäre (als getrennt verstanden und im Gegensatz zu anderen Bereichen des Biom.)

 

Die ontologische Autarkie korrespondiert mit dem erkenntnistheoretischen Anthropozentrismus, der danach strebte, von vorne herein jeden Versuch einer Beziehung- die nicht nur instrumentell ist- zwischen dem Menschen und anderen Wesenheiten als illegal und sinnlos zu bewerten. Im Gegensatz dazu unterstreicht der Posthumanismus das Konzept der Hybridisierung (hier nicht in dem üblichen negativen Sinn gebraucht!) und der andersartigen Referenzeinheit. Wie Roberto Marchesini schrieb: „Die Hybridisierung zu verstehen, bedeutet in der Bewertung der Schuld, die der Mensch gegenüber den anderen Wesen auf sich geladen hat, bis in die Tiefe zu gehen. Es muss zugegeben werden, dass der Mensch-weit davon entfernt eine autonome Frucht (Hervorbringung der Natur) zu sein –seine Geschichte durch den Handel mit nichtmenschlichen Wesenheiten gestaltet hat, wobei er die Genetik der anderen Wesenheit in seine importierte und einschrieb.“

 

Es ist wichtig an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass Posthumanismus nicht Antihumanismus bedeutet. Natürlich sollte die Kritik am Anthropozentrismus nicht verstanden werden als Diskussionsbeitrag über die außerordentliche Komplexität des Menschen oder als Rückkehr zur vereinfachenden biologischen Reduktion. Vielmehr ist es die Öffnung zu einer verbindenden und mehrheitsfähigen (pluralistischen) Logik, die fähig ist, die Anwesenheit eines anderen Wesens als konstitutives Element der Identität anzunehmen.

Nach der posthumanistischen Perspektive ist der Mensch ein vorübergehendes, auf andere sich beziehendes (heteroreferentielles)Wesen. (24)

 

Dieser Wandel ist nicht von unerheblicher Konsequenz. Alle vorher genannten Bereiche des Denkens, zu denen wir jetzt die erstaunlichen Ergebnisse der Landkarte des Genoms zählen können (25), haben erheblich dazu beigetragen, dass die Spaltung, die das Menschliche vom Nichtmenschlichem trennte, zu verringern, wobei der Mensch sich aus seiner selbstbezogenen Ontologie, einem wahren Käfig von Autarkie befreite, der den Dialog mit dem Anderen nicht zuließ. Dieser radikale Paradigmenwechsel lässt es jetzt zu, die trennenden Zäune zwischen den Disziplinen zu überwinden, die die Naturwissenschaften von Geisteswissenschaften trennen.“(26).

 

Große Wendepunkte in der Kunst und der Wissenschaft sind nicht nur Brüche in der Erkenntnistheorie, die die Tafel reinigen von dem, was vorher war; vielmehr wird etwas, was .vorher bekannt war, verknüpft mit dem, das gerade erst vermittelt, erkannt wurde. Das Alte wird in einem anderen Licht gesehen, gestützt auf den höchst möglichen Wechsel in der Perspektive; es wird aufgefrischt durch die Kombination mit dem Neuen. Das Werk des Dichters Giovanni Pascoli ist hierfür ein besonders angemessenes Beispiel. Deshalb muss das Prinzip der Ähnlichkeit nicht als unwissenschaftlich abgetan werden, noch wie von den homöopathischen Adepten wie ein Glaubensartikel eingehalten werden. (27) Vielmehr kann es innerhalb seines reichen anthropologischen und historischen Kontexts und durch die neue erkenntnistheoretische Brille der Komplexitäts-Theorie betrachtet werden.

 

Eine bestimmte Gefahr, die das Ähnlichkeitsprinzip betrifft, besteht und ein weiterer Grund, warum es von der Wissenschaft abgetan wird, ist seine oberflächliche Anwendung auf der Ebene der Morphologie und des Verhaltens. So etwas kann zu ziemlich vereinfachenden Schlussfolgerungen führen und zu Verzeichnungen (Karikaturen), in denen der Patient Limulus (Falter) erhält, weil er auf Zehenspitzen geht (d.h. „flattert“) oder Helix (Efeu), weil er nach Dingen greift. Das Prinzip ist effektiv, wenn es auf der Ebene der Systemorganisation angewandt wird, nachdem die Definition durch die Autopoesie vorgeben wurde: die Identität eines Systems trifft sich genau mit der Art ihrer Organisation. Dieses Konzept wurde klar von Maturana und Varela ausgedrückt in einem grundlegenden Abschnitt, weshalb sich das volle Zitat an dieser Stelle lohnt:

 

 

„Die Organisation eines Systems(…)spezifiziert seine Identität innerhalb einer Systemklasse und muss unverändert bleiben, so dass das System der Klasse unverändert bleibt. Wenn sich die Organisation eines Systems verändert, dann ändert sich auch seine Identität und es wird eine Einheit einer anderen Art. Dennoch kann, wenn sich eine bestimmte Organisation durch Systeme verschiedener Strukturen entwickeln kann, die Identität eines Systems erhalten bleiben, während sich seine Struktur innerhalb der Grenzen, die von seiner Organisation vergeben sind, wandelt. Wenn diese Grenzen überschritten werden, d.h. wenn die Struktur sich innerhalb eines Systems so ändert, dass seine Organisation nicht mehr verwirklicht werden kann, dann verliert sie ihre Identität und die Wesenheit wird eine andere Einheit, die durch ihre andere Organisation definiert wird. (28)“

 

Oberflächlicher Isomorphismus ist nicht sehr hilfreich bei der Erforschung des Ähnlichkeitsprinzips, wohingegen tiefer gehende strukturelle Analogien und Systemprozesse zu erfrschen notwendig sind. Von diesem Standpunkt aus ist es notwendig, die autopoetischen Prozesse eines Systems zu unterstreichen (betonen),wobei die Zufallsvariablen von denen unterschieden werden, die nicht ausgeschlossen werden dürfen. Dies gilt sowohl für das System Patient als auch für das System Heilmittel. (29)

 

In der Begrifflichkeit der Organisation wird jedes Lebewesen definiert als

 

=eine bestimmte Morphologie mit einigen (bis zu einem gewissen Grade) veränderbaren Elementen

 

=einer bestimmten strukturellen Anordnung, die Form annimmt („auftaucht“), mitten in den Wechselfällen des Lebens

 

=ein gewisses Maß an Zusammenhalt (Kohäsion)

 

=ein unterscheidbares Maß an Plastizität (Formbarkeit) und Rigidität (Starrheit)

 

=spezifische Arten des Wachstums und des Verfalls (Aspekte von Dysentropie und Entropie)

 

Jedes lebende System entwickelt seine Gestalt innerhalb seines Kontexts. Es wächst innerhalb einer Umgebung auf, die mehr oder weniger förderlich ist. Es zeigt besondere Strategien, um

seine inneren Ressourcen zu nutzen (und auf seine äußeren Ressourcen zurückzugreifen) für die Ernährung, Fortpflanzung und Verteidigung gegenüber anderen Wesen.

 

Jedes System ist aus der Sicht der Autopoesie nicht nur durch seine strukturellen Eigenheiten, sondern auch durch eine Reihe ethologischer Eigenarten unterschieden. Sie beschreiben

 

= eine Art, in einer Raumumgebung und dabei in einer Verbindung mit den Umweltressourcen zu leben

 

=eine Art, mit Artgenossen zu kommunizieren (auch mit Wesen einer anderen Art) oder nicht zu kommunizieren

 

= eine Art, spezielle Bereiche von Verletzbarkeit und Ressourcen zu schützen

 

= eine Art, seine eigenen strukturellen Eigenarten so anzupassen, dass die Ressourcen effektiv zu nutzen sind, um entropische Tendenzen so einzuschränken, dass so den Bedrohungen aus der Umwelt entgegengetreten werden kann. (30)

 

Es ist leichter sich mit dem Ähnlichkeitsprinzip auf der Ebene der strukturellen Organisation und der Prozesse auseinanderzusetzen, wenn es sich um lebende Systemen wie Pflanzen und Tiere handelt als um Mineralien oder sonstige unbelebte Substanzen. Trotzdem zeigen solche Substanzen verschiedene Arten der Aggregatbildung oder der Disaggregation, Eigenarten der Verletzlichkeit oder der Zerstörbarkeit. Wir sollten nicht vergessen, dass nur wenige Substanzen in einem reinen Zustand sind, es sei denn sie werden in einem Labor hergestellt oder isoliert. Fast alle Substanzen sind Hybride, d.h. eine Kombination der sie konstituierenden Teile zusammengetragen und zu einer Einheit gebracht. Dieser Vorgang der Herausbildung geschieht in einem spezifischen Kontext. Um potentielle Analogien für eine Substanz bestimmen zu können, muss man sich zwei Fragen stellen 1. in welchem umfassenderen System kommt sie vor? und 2. welche Funktion hat sie bei der Aggregatbildung, von der sie ein wesentlicher Teil ist? Nach der Theorie der Autopoesie besteht die Identität eines Systems aus ihrer Organisation. Um ein Mittel-System zu verstehen ist deshalb mehr zu tun, als einfach eine Liste von Symptomen aufzustellen, vielmehr ist eine komplexe Begründung nötig, welche Schlussfolgerungen abgeleitet werden können.

 

Ein entscheidender Schritt in diese Richtung ist der Vorschlag nach Mangialavori und Marotta, den alten Begriff „homöopathisches Symptom“ durch „homöopathisches Thema“ zu ersetzen, verbunden mit einer Reorganisation des Materials, das sich aus einer thematischen Befragung und Analyse ergibt. Themen vorzubereiten trägt bei zur Übersichtlichkeit und Konkretisierung in der holistischen Orientierung (von der homöopathischen Medizin wie auch anderen Therapien gestützt wird), die oftmals lediglich eine prinzipielle Forderung ist statt ein Prinzip, das geglaubt und befolgt wird. Ein analogisches Verhältnis zu artikulieren durch den Vergleich organisierter Systeme erlaubt es einem, die Ecksteine und Noden klar zu benennen, durch die das verwobene Netz des holistischen Ansatzes konkret konfiguriert werden kann. (31)

 

Ein Problem der homöopathischen Hermeneutik ist die von Anfang an eingegebene Mehrdeutigkeit (Ambiguität) des Begriffs „Symptom“. Verschiedene Bedeutungen beziehen sich auf verschiedene phänomenologische Gebiete, was zu vielen Missverständnissen führt. Die Neigung, z.B. geistige (mentale) Symptome aufzulisten, kann unbeabsichtigt den Behandelnden auf den Pfad eines rigiden Determinismus führen, wobei das gesamte psychische Leben eines Menschen (seine Hoffnungen, seine Ängste, seine Projekte, seine Enttäuschungen, seine Befürchtungen, seine Wünsche, seine Träume und Phantasien auf lediglich ein Epiphänomen (des Mittels) reduziert wird – ein merkwürdiges Vorgehen für eine Disziplin, die vorgibt, respektvoll mit der ganzen Person umzugehen. Wenn man nicht vorsichtig ist, kann der Ansatz sich weiter entwickeln vom Symptomatischen zum Hypersymptomatischen, wobei alle möglichen Arten, sich auszudrücken, oder Erfahrungen des psychosozialen Selbst reduziert werden auf lediglich die Symptome.

 

Dieser schattengleiche Effekt wird verstärkt durch die schwerwiegenden Ungenauigkeiten in einigen Rubriken. Ein typisches Beispiel ist die Zusammenführung innerhalb der Rubrik „Wahnideen“ (delusions), die sowohl das Bild der wahren Halluzinationen mit klaren Anzeichen von veränderter Wahrnehmung durch das Subjekt als auch der falschen Halluzinationen, bei denen das Subjekt weiß, dass die gemachte Erfahrung nicht die vorgegebene Wirklichkeit widerspiegelt, subsummiert – wie in Träumereien, Phantasien und Wachträumen. Offensichtlich aber sind diese Erfahrungen etwas ganz anderes und verweisen auf zwei völlig getrennte Muster, nämlich die Bewusstheit oder fehlende Bewusstheit, dass die Erscheinung halluzinatorisch ist.

 

Dies bringt uns wieder zu dem fruchtbaren Vorschlag, die Register zu reorganisieren und um die Themen herum zu forschen. Aktuell sind computergestützte Repertorien, trotz der beeindruckenden Fortschritte in den letzten Jahren, immer noch nicht zufriedenstellend in der Lage, die spürbare Erfahrung der klinischen Konsultation in unterscheidbare/ verwertbare therapeutische Aussagen zu bringen. Der Versuch erinnert an die beklemmende Lage eines Schülers, der einen schwierigen, rätselhaften Text aus einer anderen Sprache übersetzen soll. Er hält sich eng an das Wörterbuch in der Hoffnung, dort in der Auflistung der Beispiele genau den Satz zu finden, den man sich gerade müht zu übersetzen. Diese Hoffnung wird meistens enttäuscht, da das Wörterbuch wie das Repertorium eher geeignet ist, einen Text zu erstellen als ihn zu vergleichen. Diese höherklassige Funktion würde auf einer hoch komplizierten Ausarbeitung fußen sowie auf einer vielschichtigen (multinodalen) Reorganisation des Materials.

 

Das WEB hat uns vertraut gemacht mit den Herausforderungen, die durch die übergroße Fülle an heterogenen Daten entstehen. Hypertrophe Information ohne hypertextuelle Organisation führt zur Desinformation, wie die Kommunikationswissenschaftler sehr wohl wissen. Diese Art von Organisation wird dadurch, dass Netzwerke von Verbindungen die mit den Knotenpunkten verwoben sind, erstellt werden. So können brauchbare Navigationswege innerhalb der Flut von verfügbaren Informationen verfügbar gemacht werden.

 

Im Verständnis der homöopathischen Medizin ist eine Organisation des Materials durch verschiedene Themenregister sehr verschieden von lediglich der Klassifikation in Kategorien (wie sie in den aktuellen Repertorien vorgenommen wird). (32) Ein hypertextueller Zugang würde bestimmte thematische Knotenpunkte umfassen (charakteristische Themen, grundsätzliche Themen und wiederkehrende Themen („Große Themen“), die zusammengenommen nicht lediglich informieren, sondern auf einer Metaebene informieren, das heißt schon die Art, in der das Material organisiert ist, erklärt implizit die Kriterien

 

Ein Text ist mehr als eine reine Wortliste. Die Bedeutungslehre des Wortes verweist auf ein grundlegendes Merkmal: ein Text ist demnach ein gewebtes Netzwerk von assoziativen Bedeutungen, die zusammen betrachtet, d.h. im Kon-text , ein vielschichtiges Gebilde sind Mit andere Worten ist ein Text ein Netz aus gegebenen und neu zusammengestellten, insofern verwebten Verbindungen.

 

In ähnlicher Weise muss der Arzt, wenn er das Prinzip der Ähnlichkeit anwendet, die verschiedenen Elemente, wie sie der Patient vermittelt, verweben. Das erfordert einen Schritt über die reine Reorganisation des Materials aus dem Repertorium hinaus. (An-)Teilnahme innerhalb des therapeutischen Feldes taucht den Arzt gleichsam in das Material ein. Hier wird er scheinbar desorganisierten und bruchstückartigen Elementen ausgesetzt, die, wenn sie mit einer offenen und assoziativen Geisteshaltung aufgenommen werden, ein Verweben der meisten relevanten Themen aus dem Leben des Patienten ermöglichen.

 

Das Problem, was in die Themen eingeschlossen werden soll und wie sie zu koordinieren sind, wird in der evidenzbasierten Medizin eher weniger betont. In diesem Zusammenhang scheinen die Themen eher linear und singulär zu sein: Benennung oder Ausschluß der pathologischen Prozesse. Den Ansatz könnte man „symptomatischen Notfall“ nennen, wobei man sich selbstverständlich auf eine breite, aber nicht erschöpfende Nosographie stützen kann. Zusammenfassend, die biomechanische Medizin teilt das Feld auf, organisiert dabei die Patientenaussage gemäß einem einzelnen Thema, während alle anderen Aspekte, seien sie funktional oder dysfunktional, als nicht in den Bereich gehörend und folglich irrelevant ausgegrenzt werden. Um einem Symptom mit Sicherheit zu begegnen, ist es vollkommen legitim, so einen Schnitt durch die Hermeneutik zu machen.

Zum Vergleich unternimmt es die Homöopathie, das Ganze zu umfassen, was notwendigerweise diversere, heterogenere Aspekte beinhaltet. Das schafft einen neues und anderes Bündel von Möglichkeiten und Problemen.

 

 

Um das Prinzip der Ähnlichkeit angemessen zu erkennen, müssen zwei Vorgänge vorab geklärt sein: die autopoetischen Merkmale des Systems Arzneimittel und die grundlegende Art zu leben innerhalb des Systems Patient. Dann werden die beiden Systeme miteinander verglichen. Jetzt nimmt das Prinzip der Ähnlichkeit Form an und bestimmt eine potentielle therapeutische Verbindung. Es ist ein komplexer Vorgang, der die Fähigkeit des Therapeuten erfordert, eine Annahme zu machen, zu schlussfolgern, aber vor allem Empathie zu zeigen – hier meint Empathie die Fähigkeit des Behandelnden durch teilnehmendes Hören die Welt des Patienten zu betreten. Der Prozess ist kreativ, nicht mechanisch und wird wohl selten zielführend sein können, wenn es als Koordinatensystem oder als Flussdiagramm angewandt wird.

 

 

Das heuristische Potential des Konzepts der Ähnlichkeit wird stark eingeschränkt, wenn es durch eine vereinfachende Umsetzung von A (dem System Arzneimittel) zu B (dem System Patient) oder umgekehrt definiert wird. (33) Das Prinzip der Ähnlichkeit ist keine gesetzte Größe, sondern ein hermeneutischer Schritt: eine Weg zu einer Reise, keine Abkürzung. Die Karte zeigt kein Gelände und das anthropologische Modell ist nicht der lebende Mensch. Dieser offenkundige, aber oft vernachlässigte Gesichtspunkt kann helfen, nicht in die Falle des Reduktionismus zu geraten. Zu oft vergibt der Arzt zu viele Annahmen in dem Raum zwischen der Beschreibung und der Verschreibung, in dem Glauben, dass man vom Repertorium der Symptome (für ein bestimmtes Arzneimittel) alle tatsächlichen Aspekte des Systems Patient ableiten kann.

 

 

Analogie ist nicht gleich zu setzen mit Identität und Patienten erscheinen nicht als vorgefertigte Verpackung, zu denen die Schemata einen für gewöhnlich hinführen. Obwohl das System Arzneimittel vorgegeben ist, ist es das System Patient nicht; deshalb muss jedes Mal die Analogie gewissermaßen neu entwickelt werden. (34) Was man nur tun kann ist, die thematische Organisation des Materials im Repertorium als Orientierung zu nehmen, in Bezug auf das, was der Patient vermittelt. Solche Beiträge, die im therapeutischen Rahmen erstellt werden (und daher nicht anderswo vorgefertigt werden können) sind es, die unser Verständnis vom anthropologischen Modell des Arzneimittels am meisten fördern.

 

Das Prinzip der Ähnlichkeit erhält seine Gestalt durch das andauernde Wechselspiel zwischen „gespeichertem oder ererbtem Wissen“ und „Wissen aus Erfahrung“, das nur entsteht als Ergebnis einer therapeutischen Begegnung. So gesehen könnten wir von einer anthropologischen Grundlagenarbeit im Rahmen der homöopathischen Medizin sprechen.

Während die biomechanische Medizin ihre Anregung und Bestätigung im Labor bekommt, erhält sie die Homöopathie, wie auch die Psychoanalyse, in der Auseinandersetzung mit dem Patienten.(in the field) Diese Arbeit ist durchaus vergleichbar mit der eines Anthropologen, der mit lediglich einer Leithypothese in seiner Feldtasche hinausfährt, um seine Theorie zu überprüfen. Unweigerlich muss er fortwährend seine Hypothese und seine Werkzeuge anpassen, als Folge seiner andauernden Auseinandersetzung mit dem „Anderen“.

 

Das Prinzip der Ähnlichkeit erlaubt es einem, unter einem Banner viele verstreute Fragmente (Gedanken, Gedankensplitter), die durch den Patienten geäußert werden, in einem corpus zusammen zu fassen.Es erlaubt einem darüberhinaus, das therapeutische Feld unter der Führung einer Hypothese so zu lenken, dass es mit grundlegenden Themen, die von der einzigartigen Organisation des ausgewählten Systems Arzneimittel stammen, verknüpft werden kann.

Andererseits hilft die klinische Erfahrung, die enorme Menge an berichteten Symptomen in die richtige Ordnung zu bringen, wobei der Vorzug einigen vielversprechenden Möglichkeiten gegeben werden, die späterhin in der Folgebehandlung Bestätigung finden.

 

Eine nicht banalisierende Anwendung des Prinzips der Ähnlichkeit bedeutet gleichzeitig auch eine Förderung dieser Beziehung, es ist das Herzstück des hermeneutischen Abenteuers der Suche nach der Ähnlichkeit. Dieses Projekt umfasst, neu in jedem einzelnen Schritt, das Zusammenweben zweier Elemente, in dem das System Arzneimittel und das System Patient, aber auch das Repertorium und die Klinik.Gestalt annehmen. Dabei wird jedes Element innerhalb jeder Polarität von dem anderen wechselseitig erhellt. Dieser eher zirkuläre als lineare Prozess ist rekursiv, wobei das Element, das definiert werden soll, im Moment der elliptischen Flugbahn selbst der Operator der Definition ist.

Hier erscheint Ähnlichkeit wie die Jungfrau Maria in Dantes Werk Paradiso, in dem sie durch den Dichter willkommen geheißen wird als die Tochter ihres Sohnes.

 

Alberto Panza

 

 

(Übersetzung ins Deutsche von Michael Schmitz)

 

Fußnoten:

M. Heidegger (1927): Essere e Tempo. Mailand, Longanesi, 1976, S.25.

 

F. Laplantine: Anthropolgie de la maladie. Paris, Payot, 1986

 

Wie Laplantine anmerkt, ist die Erforschung der Heilung mittels einer durch Arzneimittel hervorgerufenen, kontrollierten Aktivierung der Krankheit nicht alleine der hahnemannschen Klinik zuzuschreiben (a.a.O., S.185)

 

Eine kritische Prüfung des suggestiven und kontroversen Beitrages von Lévy-Bruhl findet sich bei M. Bonicatti, A. Panza (Hrsg.): La cultura delle anomalie. Mailand, Sipiel, 1990, S. 127-137

 

Näheres siehe bei A. Panza, M. Bonicatti: Antropoanalisi del totemismo. In: Psicoterapia e scienze umane, 1981, Nr.1, S. 67-69

 

G.R.Cardona: La foresta di piume. Manuale di etnoscienza. Rom-Bari, Laterza, 1995, S.13.

 

Ein Beispiel für diese Tendenz ist der, in der alten jungianischen Scholastik häufige, unbefangene Gebrauch von Mythen- und Legendenmaterial, das als Beweis für die Präsenz dieses oder jenes Archetyps angenommen wird.

 

In diesem Sinn hat es dieselbe Wertigkeit wie die Worte des Orakels von Delphi, das nach dem berühmten Fragment B 93 von Heraklit „oùde légei, oùde kryptei, allà sèmainei“: nicht erklärt und nicht verbirgt, sondern andeutet.

 

Diesbezüglich siehe P.P. Portinaro: I concetti del male. Turin, Einaudi, 2002, S. 148-151, wo auch die Bibliographie der Forschungen auf diesem Gebiet wiedergegeben wird.

 

In der Ilias (VI,149-149) erscheint zum ersten Mal in der abendländischen Literatur ein herzzerreißendes Bild, das bestimmt war, über die Jahrhunderte Widerhall zu finden; in den Worten, die Glaukos an Diomedes richtet, werden die Generationen der Menschen mit den Blättern verglichen, die vom Wind davongetragen werden, die einen wachsen, die anderen entschwinden. Über Versuche sich gedanklich der verwirrenden „Physizität“ des Körpers zu entziehen oder sie anzunehmen, siehe A. Panza: Pensare il corpo. Itinerari di un’avventura ermeneutica. In: AA.VV.: Prendere corpo. (In Druckvorbereitung beim Verlag Bollati Boringhieri)

 

M. Masud R. Khan (1983): I Se nascosti. Turin, Bollati Boringhieri, 1993. Die neuere Tendenz beginnt, wenngleich mit auffälligen Ausnahmen, sich erst ab dem 16. Jahrhundert zu vollenden. Auf der gleichen Linie liegen die Ausführungen von Michel Foucault in seinen Vorlesungen am Collège de France über die Epistemologie des Subjektes (M. Foucault (1981-82): L’ermeneutica del soggetto. Milano, Feltrinelli, 2003). Anzumerken ist, dass die mittlerweile allein herrschend gewordene Tendenz nicht unwidersprochen bleibt: auch noch im hypertechnologisch lebenden okzidentalen Menschen führen die Szenarien des Traumerlebens zu einer „diffusen“ Darstellung des Selbst. Im „Theater des Traumes“ kann jede Figur, jedes Objekt, jedes Detail der Landschaft, auf Aspekte des Selbst des Träumenden bezogen werden. Zu diesem Thema siehe Resnik: Il teatro del sogno. Turin, Boringhieri, 1982.

 

C. Cacciari (Hrsg.): Teoria della metafora. Mailand, Cortina, 1991.

 

Die Anhänger der evidence-based medicine verwechseln - wenngleich sie einen „gesunden Realismus“ als Vorzug ihrer Argumentationen hervorstreichen – die Routine mit der Realität, die von ganz anderer Komplexität und nur teilweise durch hypothetische „Evidenzen“ darstellbar ist.

 

G. Nicholis, I. Prigogine (1987): La complessità. Esplorazioni nei nuovi campi della scienza. Turin, Einaudi, 1991, S.5.

 

a.a.O., S. XII

 

Hinsichtlich der dichotomisierenden Gegensätzlichkeit von Geist und Körper, die durch ein „Denken in Unterschieden“ zu ersetzten wäre, siehe A. Panza: Pensare il corpo. a.a.O. a.a.O., S. XII

 

G. Nicolis, I. Prigogine: La complessità. a.a.O., S. 7

 

a.a.O., 9.

 

H.R. Maturana, F.J. Varela (1980): Autopoiesi e cognizione. La realizzazione del vivente. Venedig, Marsilio, S. 114-115

 

Über das Denken dieses Autors siehe M. Deriu (Hrsg.): Gregory Bateson. Mailand, Bruno Mondadori, 2000

 

Auch das Vorhandensein eines bewussten, sich selbst reflektierenden Denkens, das zweifellos den Anthropos bestimmt, ist ein Merkmal, das gegenüber den Eigenschaften der anderen Spezies zwar eine Unterschiedlichkeit, aber keine Unvergleichbarkeit konstituiert. Die Vorstellung, dass autopoietische Systeme jedenfalls selbstwahrnehmend sind, erlaubt es, zu denken, dass das Bewusstsein eine zu Tage tretende Besonderheit ist, die ihre Quelle in dieser Grundlage hat.

 

Die Zooanthropologie untersucht die Ebenen und Bedeutungen der interspeziellen Beziehung und hat Begriffe wie ‚gemeinsame Verwandtschaft’ , ‚Verhaltensidentität’ oder ‚tierischer Geist’ entwickelt, die den Abstand , der unsere Spezies von den anderen trennt, entscheidend verringern.

 

Zu diesem Thema siehe R. Marchesini: Post-human. Verso i nuovi modelli di esistenza. Turin, Bollati Boringhieri, 2002.

 

a.a.O., S. 12-14

 

J.Marks (2002): Che cosa significa essere scimpanzé al 98 %. Mailand, Feltrinelli, 2003.

 

A. Portmann (1969) : Le forme viventi. Nuove prospettive della biologia. Milano, Adelphi, 1989.

 

Schon öfter wurde mir gesagt, dass die Homöopathie weder untersucht noch gelehrt, sondern allenfalls bezeugt werden kann. Diese Diktion nach Märtyrerart (die Märtyrer wurden tatsächlich Zeugen genannt), zeigt, wie sehr ein unbewusst religiöses Vokabular verwendet wird.

 

H.R. Maturana , F.J. Varela: Autopoiesi e organizzazione. A.a.O., S.33.

 

Ökologie und Verhaltensforschung haben in vielfacher Weise gezeigt, wie Tiere und Pflanzen verschiedene Parameter ihrer Funktionen in Bezug auf Veränderungen, die sich im Umweltzusammenhang ereignen, zufällig modifizieren können. Analog wurde auf dem Gebiet der Zoosemiotik festgestellt, dass das Typische an der Sprache einer Spezies die Möglichkeit eigener Dialekte oder Idiome einer Gruppe oder eines Individuums nicht ausschließt.

 

Die Art, die räumliche Umgebung zu bewohnen und in Beziehung zu treten, hilft uns, das zu beschreiben, was wir mit einer anthropomorphen Metapher als den „Charakter“ eines Systems definieren könnten. Indem man die besonderen Verletzlichkeiten und die besonderen Ressourcen des Systems vergleicht, lassen sich die prinzipiellen Verteidigungs-, Kompensations- und Schutzmechanismen in Bezug auf die Wunde, die nicht vermieden werden konnte, feststellen.

 

Dieses Resultat wird selbstverständlich dann nicht erreicht, wenn man sich darauf beschränkt, einzelne Elemente parataktisch aufzulisten, auch wenn dies in der durchaus vertretbaren Form der sogenannten key-notes geschieht, wobei man im Wesentlichen auf der Ebene der Symptombeschreibung bleibt.

 

Auf epistemologischer Ebene ist nicht das Ähnlichkeitsprinzip obsolet, sondern die deterministische lineare Kausalitätsbeziehung. Dieses Modell wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ungeachtet seines durch pragmatische Opportunität begründeten beachtlichen Weiterlebens auf der Ebene des allgemeinen Empfindens, von allen Wissenschaften aufgegeben - mit Ausnahme der Medizin, die tatsächlich, wie David Le Breton schrieb, auf einer „zurückgebliebenen Epistemologie“ zu beruhen scheint (D. Le Breton [1990]: Anthropologie du corps et modernité. Paris, Presses Universitaires de France, 2001).

 

In diesem Sinn könnte die - in der Realität nur unter Schwierigkeiten buchstäblich zu befolgende - Anweisung Samuel Hahnemanns , wonach der Arzt ex novo mit eigenen Händen und in Anwesenheit des Patienten die zu verschreibende Arznei zubereiten soll, auf metaphorischer Ebene übernommen werden.