Fallbeispiele

Nat-m.

Behandlung eines Hundes, "Charly", Mischling (Border Collie, Bernersennenhund, Golden Retriever) *August 2004

Sonja Schirmer, med. Vet, Deutschland

Anamnese 17.2.2012

Ich mache einen Hausbesuch bei „Charly“ und seiner Familie in einem kleinen Ort am Nord- Ostsee Kanal. Neben „Charly“ leben dort noch ein Geschwisterhund (w.), eine Katze und mehrere Ponys.

„Charly“ ist ein 7,5 Jahre alter Mischling und derzeit das „Sorgenkind“ der Besitzerin. Ungefähr 14 Tage vor Weihnachten bekam „Charly“ starken Durchfall mit Erbrechen und Fieber bis 40°C. Er wurde zunächst vom Haustierarzt behandelt (7 Konsultationen, 5 versch. Antibiotika, Schmerzmittel, orale „Durchfallmittel“). Da es zu keiner Besserung kam wurde er in die Tierklinik überweisen, wo Blutbildveränderungen (Leukozytose, Granulozytose, Leberenzyme↑) und eine Lebervergrößerung festgestellt wurden. Er bekam noch mal Antibiotikum, orale Durchfallpräparate und phytotherapeutische Lebermedikamente. Es könnte eine Stabilisierung des Zustandes erreicht werden, jedoch hat „Charly“ sich nicht richtig erholt. Er liegt verkrampft auf dem Teppich und macht auch im Schlaf einen verspannten Eindruck. Er springt nicht mehr auf das Sofa, wie er es sonst getan hat. Auch das Spazieren gehen und das Spielen macht „Charly“ keine Freude. Seine Besitzerin hat den Eindruck, dass er nicht mehr richtig am Leben teil nimmt. Nach einer Akupressurbehandlung durch eine Physiotherapeutin kam es zu einer kurzfristigen Besserung, die allerdings nur einige Tage anhielt.

Im weiteren Gespräch fällt Charly´s Frauchen auf, dass ihr der Hund eigentlich schon seit einem Jahr nicht gefällt. Vor einem Jahr ist die Hofkatze im Alter von 11 Jahren an Nierenversagen eingegangen. Diese Katze war für die beiden Hunde eine Art Mutterersatz. Die Hunde wurden auch von dieser Katze erzogen- da mussten die Besitzer gar nichts groß tun. Gerade „Charly“ hat den Tod der Katze schlecht verkraftet. Er hat sie überall gesucht und der Name der Katze darf bis heute nicht erwähnt werden. Ansonsten fängt er sofort wieder an nach der Katze zu suchen. Er ist „schüchterner“ seit die Katze tot ist. Charly liegt jetzt bevorzugt hinter dem Tisch und sondert sich von der Familie ab. Die Besitzerin hat den Eindruck, dass er nicht gesehen werden möchte.

Als neue Katze kam der junger Kater „Kasper“ auf den Hof. Zwischen diesem Kater und „Charly“ entwickelte sich ein Konflikt. „Kasper“ geht auf „Charly“ los, kratzt ihn, beißt ihn und lässt ihn nicht ans Wasser. Charly wehrt sich nicht richtig und meist geht der andere Hund schlichtend dazwischen. Am liebsten würde die Besitzerin den neuen Kater wieder abgeben, aber es ist schwierig, da er sich auch gegenüber Menschen aggressiv verhält.

Die Besitzerin beschreibt Charly als artigen, folgsamen Hund- sehr brav. Er würde nie beißen oder aggressiv werden. Er hat auch keinen Jagd- oder Hütetrieb.

Als sie ihn damals bekommen haben, wollten sie eigentlich nur einen Hund nehmen. Sie hatten sich seine Schwester ausgesucht. Aber „Charly“ lag da in der Hütte und hat so treu geguckt. Er war der einzige aus dem Wurf für den sich noch niemand interessiert hatte und da haben sie die beiden Geschwister genommen.

Als Vorerkrankung ist eine Getreideallergie, die sich durch Niesen und einen Hautausschlag (rot, juckend, hat sich gekratzt) äußerte zu nennen. Die Allergie trat im Zusammenhang mit Pollen und Getreide im Futter auf. Charly wurde vor einigen Jahren hypersensibilisiert und erhält seit einiger Zeit getreidefreies Futter. Er ist mit einem Jahr kastriert, was er gut weggesteckt hat und wurde regulär geimpft und entwurmt.

Er frisst besonders gerne Schweineohren. Charly nimmt keine Leckerlies von fremden Leuten. Er mag es weder sehr kalt noch sehr warm. Er liegt in der Wohnung eher auf den Fliesen und im Sommer gerne einmal in der Sonne.

Nebenbei erzählt die Besitzerin, dass die Tiere ihr Kindersatz seien und besonders verwöhnt werden. Sie habe bis vor 2 Jahren ein Reitpferd gehabt, welches nach einer Fraktur euthanasiert werden musste. Nun habe sie das Reiten komplett aufgegeben, kann sich auch nicht vorstellen damit wieder anzufangen. Während sie dies erzählt, habe ich das Gefühl, dass ihr fast die Tränen kommen. Sie weint jedoch nicht. Die Shetland Ponys habe sie sich dann so zum Spaß gekauft. Die Hunde können allerdings mit den Ponys nicht so recht warm werden.

Klinische Allgemeinuntersuchung: etwas übergewichtig, Stelle („Schramme“) auf der Nase von der Katze, Rücken und Beckenbereich verspannt ansonsten o.b.B., Schleimhäute blaß-rosa.

Überlegungen:

Als Causa wird die Trauer durch den Verlust der Katze betrachtet. Interessant sind die Parallelen zwischen der Besitzerin und ihrem Hund.

Rubriken (Synthesis, Ed. 9.1, 2005):

Gemüt Traurigkeit durch Schicksalsschläge

Gemüt verweilt bei unangenehmen Ereignissen

Gemüt Gesellschaft Verlangen nach Einsamkeit

Gemüt Mangel an Selbstvertrauen

Rücken Spannung

Schlaf Schlaflosigkeit durch Kummer

Allgemeines Speisen Verlangen Salz (Schweineohren sind sehr salzig)

Therapie:

18.2.2012: Natrium muriaticum C30 einmalig 5-8 Globuli p.os

Follow up:

Rückmeldung am 5.3. 2012 (telefonisch): „Charly" geht es super. Er hat gespielt und ist wieder „der Alte". Die Besitzer sind überglücklich, können es nicht fassen. Die Besitzerin sagt, dass sie den Hund den sie kennen, wieder haben. „Charly" hat sich auch in einer Situation gegenüber dem Kater behauptet, was er vorher nie getan hat. Seit dem geht es „Charly" gut.

Auch am Ende des Jahres 2012 ist sein Gesundheitszustand unverändert stabil. Er ist selbstbewusst und spielt viel.

Diskussion:

Ich habe schon direkt nach der Anamnese an Natrium muriaticum gedacht, da es ja als „großes Kummermittel" bekannt ist und ich es aus der Materia medica kenne. Typisch für Natrium muriaticum ist ein „stiller, konservierter" Kummer. Salz wurde und wird ja bekanntlich zur Konservierung von Lebensmitteln verwendet. Dieser konservierende Aspekt findet sich auch im Arzneimittelbild von Natrium muriaticum wieder. Natrium versucht den Verlust und die damit verbundenen Emotionen auszublenden, um alles unter Kontrolle zu behalten. Durch dieses Verdrängen wird der Konflikt jedoch keinesfalls gelöst.

Die Idee einer Natrium Pathologie wurde durch die gewählten Repertoriumsrubriken bestärkt. Natrium muriaticum deckt fast die gesamte Krankengeschichte ab. Natrium muriaticum Tiere sind meist brav, folgsam und unkompliziert. Sie ertragen viel und Christiane Krüger beschreibt sie u.a. auch als „Mobbing- Opfer". Diese Situation findet sich ebenfalls in dieser Kasuistik. Der Hund lässt sich völlig ohne Gegenwehr von der Katze angreifen und vom Wasser fern halten. Natrium Tiere sondern sich in ihrer Trauer ab (Verlangen nach Einsamkeit→ verkriecht sich hinter dem Tisch, will nicht spielen, will nicht auf das Sofa). Sie nehmen oft kein Futter von Fremden. Natrium Patienten haben eine Disposition für Allergien und Hautausschläge. Auffällig ist bei Charly die Vorliebe für Schweineohren, die ja bekanntlich sehr salzhaltig sind.

Interessant sind die Parallelen zischen Tier und Besitzerin, die das Reiten nach dem Tod des Pferdes komplett aufgegeben hat. Sie scheint den Verlust nicht richtig verarbeitet zu haben und zeigt sich in der Art wie sie darüber spricht Natrium typisch (möchte die Kontrolle erhalten, „kann nicht weinen"). Ob die Besitzerin auch Natrium braucht, bleibt selbstverständlich Spekulation.

Literatur:

Synthesis, Ed. 9.1, 2005

Christiane Krüger, Praxisleitfaden Tierhomöopathie, Sonntag Verlag 2006

Peter Mohr, Die Mensch- Tier- Beziehung, Verlag Peter Irl 2011