Fallbeispiele

Puls.

Homöopath: Tierarzt aus der Schweiz

Patient: Kuh, Simmentaler, „Rösi", *'86

Problem: hatte wiederum 2 Tage p. Partum 9) einen 'Kreislaufzusammenbruch' mit hohem Fieber. Laut Einschätzung des Bestandestierarztes wird sie eine weitere Geburt nicht überleben. Bauer hängt aber an der Kuh, da sie ein Hochzeitsgeschenk war.

Anamnese (16. 11. 92)

Die Vorbehandlung des Bestandestierarztes war mir und dem Bauer nicht bekannt; aus der Anamnese ('Kreislaufzusammenbruch') vermute ich, dass Ca/Mg-Infusionen, Antibiose und Cortison verabreicht wurde. Da der mir sehr gut bekannte Bestandestierarzt vor noch nicht allzu langer Zeit die Kuh kontrolliert hatte, und ich rein adspektorisch und auskultatorisch keine Auffälligkeit erkennen konnte, verzichtete ich auf Probenentnahmen jeder Art. Feststellen konnte ich, dass „Rösi's" _ hi re CMT + war.

Auffallend beim Nähertreten war, dass die Kuh Abwehrbewegungen 8) machte, hässig war. Gut zu sehen waren die gestauten Halsvenen; dies sei schon immer so gewesen.

Während der homöopathischen Anamnese erzählte mir der Bauer folgendes:

„Rösi" ist eine typische Weidekuh: sie frisst dauernd, Kraftfutter liebt sie nicht besonders.12) Allgemein ist die Kuh sehr friedlich 2) und geht dem Kampf aus dem

Weg 2). Beim abendlichen Eintreiben kommt sie stets zuletzt nach Hause und bleibt vor der Stalltüre stehen 1),10),11) - man muss sie dann am Halsband nehmen und in den Stall hineinführen; am liebsten ist sie jedoch draussen 1) . Drinnen liegt sie viel 3) .

Beim Verstellen weiss sie nach zwei Tagen, wo ihr neuer Platz ist. Auffällig ist, dass sie einen ausgesprochenen Mutterinstinkt hat; sie ist „kalberverrückt".

Schon zum zweiten Mal hat sie 2 Tage p.Partum 9) einen Kreislaufkollaps gehabt: sie zittert dann und man hat dann den Eindruck, sie habe sich überanstrengt. Ebenfalls 4 Tage p.Partum 9) hat sie jeweils einen _ hi re 5) , der schmerzhaft ist, aber leichten Druck erträgt.

Der Mist ist immer gleich. Sie frisst immer schnell, das Gras wenigstens, während sie sich für die Maisanteil des Futter eher Zeit lässt 13) .

Bei hohem Fieber, das die Kreislaufstörungen p.Partum9) begleitet, ist der Appetitt und der Durst normal, auch am Euter ist nichts besonderes feststellbar.

Die Kuh war immer unterschiedlich stierig 6) : mal klar und eindeutig, mal nur schwer zu erkennen. Künstlich besamt, nahm sie jedoch gut auf. Auch während der Brunst ist sie nie aggressiv und springt nie auf; sie duldet aber die Sprungversuche der Kolleginnen.

Der Bauer betont: sie hat einen enormen Lebenswillen und wehrt sich immer.

Angst zeigt sie nicht erkennbar. Im ersten Jahr hatte sie Dasselfliegenbefall (kam aus dem Jura).

Therapie:

16. 11. 92: 2 x Nux-v. C200

6. 12. 92: Tel: Kuh ist aufmüpfiger, hat Durchfall gehabt, kein _ aufgetreten.

2 x Puls M

Bei gelegentlichen Treffs äusserst sich der Bauer zufrieden über den Gesundheitszustand von „Rösi".

29. 6. 98: Tel: „Rösi" lebt noch und hat mittlerweile eine Lebensleistung von 80'000 Litern. Letztes Jahr hat sie nach 16 Wochen Tragzeit abortiert - hat aber nach der 2. Besamung wieder aufgenommen. Die Geburt von „Rösi" versucht der Besitzer immer so zu steuern, dass sie nicht im Sommer kalbt.

Diskussion

Da es sich um eine funktionelle Störung - ev. mit Beteiligung des Herzens (gestaute Jugular-Venen!) - handelt, bietet sich der Weg der homöopathischen Heilung an; zu Recht nimmt ja die Homöopathie in Anspruch, funktionelle Krankheiten günstig zu beeinflussen. Dass der Bauer betont, sie habe einen enormen Lebenswillen, sollte auch ein Hinweis auf „Rösi's" Reaktionswilligkeit sein.

Bei der doch eher mageren Anamnese habe ich folgende Hinweise als typisch und somit homöopathisch wertvoll zur Kenntnis genommen:

• Kuh kommt nicht freiwillig in den Stall

• Kuh „sucht den Frieden"; will auch in der Brunst nicht aufspringen

• unterschiedlich ausgeprägte Brunst

• Kuh hat Kraftfutter nicht und Mais nicht besonders gern.

Diese Punkte veranlassten mich, Pulsatilla zu geben, obwohl ich etliche Leitsymptome von diesem Mittel nicht aus dem Bauern herauskitzeln konnte: die typische Durstlosigkeit (sie trinkt aber auch bei hohem Fieber nicht vermehrt), Veränderlichkeit der Kotbeschaffenheit, die farblich typischen, milden Ausflüsse. Auch hat mich noch keine Pulsatilla-Kuh so abweisend empfangen. Ich denke jedoch, dass auch nach dem damaligen Erkenntnisstand das Mittel Pulsatilla gerechtfertigt war; der gesundheitliche Verlauf von „Rösi's" Leben lässt mich dies behaupten.