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    Magnesium fluoratum

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    REMEDY ABBREV.

    Mag-f.

    MASTER PROVER

    Dr. F.Swoboda und Dr. P.Koenig, OEGHM, Austria

    YEAR

    1985- 1986

    PROVING METHOD

    Double blind, placebo controlled trial

    PLACEBO?

    yes

    BLINDING?

    Remedy unknown to the 13 provers

    PHARMACY OF REMEDY IN PROVING

    Austroplant, Dr. Gerhard Peithner KG, Austria

    Description of the substance

    A homoeopathic drug proving- now termed a homeopathic pathogenetic trial- of Magnesium fluoratum

    Eine homöopathische Arzneimittelprüfung von Magnesium fluoratum

     

    Proving document available currently only in German

    Published in the Austrian journal Documenta Homoeopathica No.8

     

    Erste Arzneimittelprüfung von Magnesium fluoratum D 30

     

    I. Konzept

    Planung und Zielsetzung

    Bei dieser Arzneimittelprüfung (AMP) sollten weder Prüfungsleiter noch Prüfpersonen um die Arznei wissen. Zudem wollten wir versuchen, den seit der AMP mit Abrotanum D 30 (Documenta Homoeopathica 6/1985) eingeschlagenen Weg zu rechtfertigen. Die Prüfung sollte nicht nur im Doppelblindverfahren mit all seinen Verunsicherungen durchgeführt werden. Es sollte vor der Aufdeckung des Codes, welche der Prüfer nun Verum und welche Plazebo eingenommen hatten, die Arznei herausgefunden werden.
    Die Arznei wurde wieder von Herrn Dr. Günter Mattitsch gewählt, dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin. Die Firma Austroplant Dr. Gerhard Peithner KG bereitete sie zu und stellte sie in dankenswerter Weise zur Verfügung. Die Patronanz übernahm einmal mehr unser Lehrer Prim. Prof. Dr. Mathias Dorcsi, Vorstand des Ludwig Boltzmann Instituts für Homöopathie im Krankenhaus der Stadt Wien-Lainz.

     

    Durchführung

    Die Anzahl der Prüfer wurde nach den Erfahrungen bei der letzten AMP mit Acid. succ. D 30 (Documenta Homoeopathica 6/1985) verringert. 18 Prüfer nahmen teil, 9 Frauen und 9 Männer. Bis auf einen Biologen handelte es sich durchwegs um Ärzte. Die Prüfer waren uns zum Teil von früheren AMP bekannt.
    Die Eintragung der Symptome sollte in ein Protokollheft erfolgen. Damit wichen wir von unseren bisherigen Gewohnheiten ab, die Prüfer freie Aufzeichnungen führen zu lassen. Bei der Erstellung dieser Protokollbücher gingen wir von jenen Stüblers und Bayrs aus, wie sie bei den Prüfungen in der Bundesrepublik Deutschland verwendet werden (*Ausgehend von diesen beiden Protokollheften wurde nun ein neues entwickelt, das sich bei der nächsten Prüfung bewähren soll, die die österreichische und deutsche Gruppe gemeinsam veranstalten werden).

    Die Prüfer erhielten zu Beginn der Prüfung 2 Fläschchen mit 10,0 g Globuli und wurden angewiesen, 2 Wochen aus Nr. „I“, dann aus Nr. „II“ täglich etwa 5 Globuli im Mund zergehen zu lassen. Sie wurden aufmerksam gemacht, daß es sich bei jedem der beiden Fläschchen um Plazebo oder Verum handeln könnte. Spätestens nach 4 Wochen mußten die Prüfer Kontakt mit einem der beiden Prüfungsleiter aufnehmen, der die Weitereinnahme aus Fläschchen Nr. „I“ oder „II“ anordnen würde. Der Verteilungsschlüssel war so abgesprochen, daß unter „II“ eher Verum als Plazebo sein sollte, um nicht zu viele am Ende wertlose Plazeboprotokolle zu erhalten. Die Auswertung sollte nicht unter Zuhilfenahme statistischer Kriterien erfolgen — diesen Weg sind Stübler und Bayr erfolgreich gegangen —, wir wollten bei aller Subjektivität die Arznei herausfinden und zeigen, daß eine AMP mit einer D 30 ein unverwechselbares Prüfungsbild ergibt.
    Die Prüfung begann im Oktober 1985, das Ende war offen. Die letzten Protokolle wurden den Leitern im Januar 1986 übergeben. Den vorläufigen Abschluß bildete eine Nachanamnese nach erster Durchsicht. Einige Wochen später sprachen wir wieder mit unseren Prüfern, um letzte Beobachtungen und Eindrücke festzuhalten. Die Symptome wurden „auf Herz und Nieren geprüft“. Wir mußten uns auf die verbliebenen, für „echt“ befundenen verlassen können, um eine Chance zu haben, die Arznei herauszufinden.

     

    Auswertung

    Es wurden uns 18 Protokolle vorgelegt, von denen wir 5 wegen fehlender Symptome oder mangelhafter Aufzeichnungen ausscheiden mußten. In der folgenden Tabelle sind Daten der ausgewerteten 13 Prüfer zusammengestellt. Über Plazebo/Verumverteilung blieben Prüfungsleiter und Prüfer während der gesamten Auswertungsphase im unklaren. Jeder Proband sollte nun angeben, ob er glaubte, Verum oder Plazebo eingenommen zu haben. Unabhängig davon trafen die Prüfungsleiter ihre Entscheidungen dazu. Es zeigte sich insgesamt die Neigung, ein Verum in manchen unsicheren Fällen eher für ein Plazebo zu halten. Kein Plazebo wurde für Verum gehalten. Es muß allerdings gesagt werden, daß wir wegen der Ausfälle nur 2 mal die Chance gehabt hätten, dies zu tun.
    Aus den Aufzeichnungen, die — noch immer vor Bekanntgabe des Codes — alle Beteiligten eindeutig für Arzneiprotokolle hielten, suchten wir jene Symptome aus, die sich zum Repertorisieren nach der Kentschen Methode eigneten. Das Ergebnis dieses Repertorisationsversuchs war wenig zufriedenstellend: Lycopodium und Silicea waren Spitzenreiter, Magnesium wohl unter weiteren 6 Arzneien, die in die engere Wahl hätten kommen müssen. Es war bald klar, daß wir mit dieser Methode die Arznei nicht finden würden. Die Symptome waren wohl in den Repertorien, das Spektrum der Prüfung fand sich jedoch in keinem der so gefundenen Mittel wieder. Rückblickend stellt man fest, daß dies nicht verwundern darf: Magnesium ist nach der heutigen Erfahrung in den Repertorien zu selten angeführt, Fluor in erster Linie als Acid. fluor., dessen AMP laut Mezger lückenhaft sein dürfte. Ca. fl. und Mg. fl. sind nur im Syn. Rep. von Barthel/Klunker enthalten, und dies unzureichend.

     

    Prüfnummer

    Alter/Geschlecht

    Dauer der Verumeinnahme

    (1)

    66a, w.

    40 Tage

    (2)

    24a, w.

    56 Tage

    (4)

    28a, w.

    51 Tage

    (7)

    33a, w.

    56 Tage

    (8)

    28a, m.

    60 Tage

    (9)

    30a, w.

    9 Tage *

    (11)

    30a, m.

    41 Tage

    (12)

    25a, m.

    44 Tage

    (14)

    35a, m.

    27 Tage

    (17)

    30a, m.

    50 Tage

    (18)

    30a, m.

    41 Tage

    (19)

    30a, w.

    36 Tage

    (21)

    38a, w.

    71 Tage *

    *) Die beiden Prüferinnen brachen wegen heftiger Arzneireaktionen die Prüfung ab. Beide ließen sich dazu überreden, später von neuem zu beginnen und brachten die Symptome wieder hervor.

     

    Der nächste Schritt war der Versuch, über kleine Symptome der Prüfsubstanz auf die Spur zu kommen. Dabei stießen wir wiederholt auf Teucrium. Nun ist bekannt, daß die Labiatae, denen Teucrium angehört, einen hohen Mineralstoffgehalt besitzen, und von Teucrium scorodonia wenigstens ist der hohe Magnesiumgehalt bekannt. Nicht eine einzelne Vertreterin dieser Familie stach uns ins Auge, sondern das Spektrum der Lippenblütler — sie nehmen in der Homöopathie keinen allzu hohen Rang ein — schien dem unserer Arznei in vielem ähnlich.
    Magnesium war für uns nun ziemlich sicher ein wesentlicher Bestandteil des Prüfstoffs. Doch konnte es nicht Magnesium allein sein. „Phosphorisches“ sahen wir, doch Mag. phos. als gesuchte Arznei schied aus. Wir sahen das „Destruktive“ des Mittels, dachten unter anderem an Fluor, übersahen zuletzt die Einfachheit der Synthese, Mag. und Fluor. Des Magnesiums waren wir uns recht sicher, dem Halogen auf der Spur. Im Nachhinein ist es leicht, gescheit zu reden: Hätten wir Mezgers Calc. fluor. aufmerksam gelesen, wir hätten einen vollen Erfolg landen können.
    Grundsätzlich ist zu sagen, daß wir nicht so sehr darauf aus waren, die Arznei eindeutig herauszufinden. Es ging vielmehr um die Aussage, ob wir mit unserer Methode, eine AMP durchzuführen, weitermachen könnten. Wir waren zunächst enttäuscht, Mag. fluor. nicht genannt zu haben, unsere hochgesteckten Erwartungen hatten sich nicht erfüllt. Doch dürfen wir am Ende zufrieden sein, Mag. und einige andere Aspekte dargestellt zu haben, so daß es vielleicht nur mehr eines „Aha“ Erlebnisses bedurft hätte, um zum Ziel zu kommen.
    Die Ermutigung, die wir doch erfahren haben, möchten wir weitergeben. Es wurde in den letzten Jahren nicht selten gemutmaßt, eine erfolgreiche AMP könnte heute nicht mehr durchgeführt werden, weil es keine „gesunden“ Prüfpersonen mehr gäbe, die sich in einem seelischen und körperlichen Gleichgewicht befänden. Denn nur dann könnte jemand für den Reiz einer Arznei — womöglich gar einer Hochpotenz — empfänglich sein. Wir glauben diese theoretischen Ansichten praktisch widerlegt zu haben. Eine D 30 ist, auch wenn sie nicht als „Simile“ verordnet wird, imstande, eine Spezifität zu entfalten. Sie vermag Saiten zum Klingen zu bringen, die in der Zusammenschau einen Akkord ergeben, den ein geübtes Gehör am Kranken wiedererkennen sollte.

     

    II. Magnesium fluoratum bisher

    Hier soll über ca. 40 Jahre homöopathischer Anwendung von Magnesium fluoratum berichtet werden. Leider gibt es über dieses Thema nur wenig Literatur.
    Als „Vater“ des Magnesiums und seiner Salze hat Julius Mezger zu gelten, obwohl Magnesium carbonicum und muriaticum bereits von Hahnemann geprüft und in die Therapie eingeführt worden sind. Aber erst Mezger war es, der das Magnesium aus seinem Schattendasein der Repertoriumslisten herausholte und ihm gleichsam neues Leben schenkte, indem er aus seiner Arzneimittelprüfungstätigkeit und aus seinen therapeutischen Erfahrungen einen Arznei-„Typus“ herausarbeitete. Mezgers Beziehung zu Magnesium scheint tatsächlich eine innige gewesen zu sein; ja man könnte mit Martin Stübler sogar von einer gewissen Identifikation Mezgers mit dem Magnesium sprechen, die in der Phase seiner Auseinandersetzung mit dieser Arznei angeblich für seine Umwelt deutlich wurde.
    Dieser „väterliche“ Anspruch gilt erst recht für die Arznei Magnesium fluora-tum, die vor Mezger als homöopathisches Heilmittel unbekannt war. Neben Mezger war es Mathias Dorcsi, der Magnesium fluoratum sehr früh in die Therapie einführte, wie später noch auszuführen sein wird.
    Mezgers Magnesium-fluoratum-Bild ist vorerst ein theoretisches, das sich aber durch Erprobung am Krankenbett weitgehend bewährt zu haben scheint. Mezger konstruiert die Wirkung der homöopathischen Arznei Magnesium fluoratum aus ihren beiden Bestandteilen Magnesium und Fluor, die ihm beide aus intensiver Prüfungserfahrung (Magnesium carbonicum, Calcium fluoratum) bekannt sind. Wir wollen später noch auf die Frage der Zulässigkeit solcher Konstruktionen, wie sie uns ja auch an anderen Orten unserer Materia medica begegnen (Kalium phosphoricum, Calcium jodatum, Natrium phos-phoricum,. . .), eingehen.


    Eine Arzneimittelprüfung mit Magnesium fluoratum hat also auch Mezger nicht durchgeführt. Wir können annehmen, daß er an der Prüfung der Substanz großes Interesse gehabt hätte.
    Mezger initiiert Magnesium fluoratum als homöopathisches „Drainagemittel“, als Arznei mit großer Wirkung auf die Schleimhäute und das gesamte Bindegewebe. Er postuliert eine „entschlackende“ Wirkung und stellt Magnesium fluoratum damit ganz in die Nähe des großen chronischen Entzündungsmittels Sulfur. Nach Mezger sind „Blockaden“ der Autoregulation, als Foci, mit Magnesium fluoratum — eventuell in Kombination mit passenden Nosoden — durchaus homöopathisch angehbar. Diese Aussage erscheint sehr gewichtig und höchst aktuell, wenn man an die Arbeiten Pischingers über das „System der Grundregulation“ denkt. Darüber hinaus belebt sie die nie endende Diskussion über die Notwendigkeit einer Fokussanierung vor Beginn einer homöopathischen Behandlung und alle damit in Zusammenhang stehenden therapeutischen Fragen. Darauf soll hier nicht weiter eingegangen werden. Es liegen uns keine Arbeiten über die Behandlung fokusbedingter Zustände bzw. der „Sanierung“ von Foci mit Magnesium fluoratum vor. Auch ist es wahrscheinlich, daß Mezger den Gedanken der „Fokaltoxikose“ sehr bald nicht mehr weiterverfolgte, — er, der neben seinem leidenschaftlichen Bemühen um die Arznei zum Fokusgeschehen angeblich nie eine große Beziehung aufbauen konnte.


    Aus Mezgers Angaben geht die Beziehung von Magnesium fluoratum zu chronischen Entzündungen deutlich hervor; hier gibt es auch genügend therapeutische Erfahrungen. Konkret werden genannt: Chronische Tonsillitis, Pharyngitis, Sinusitis, Thrombophlebitis (beide Komponenten der Verbindung haben einen Einfluß auf die venöse Strombahn!) und Pankreatitis. Letzteres wollen wir hervorheben: Die Pankreasbeziehung ergibt sich theoretisch aus der ausgesprochenen Organaffinität sowohl des Fluor als auch des Magnesiums zur Bauchspeicheldrüse (* Beim Diabetes mellitus liegt häufig eine Hypomagnesiämie vor. Es handelt sich dabei um ein ungeklärtes Phänomen. Jedenfalls scheint eine Beziehung des Mg sowohl zum inkretorischen als auch zum exkretorischen Teil des Pankreas zu bestehen. Betrachtet man dazu die Wirkung des Fluor auf tiefgreifende chronische Entzündungen, muß man an Mg fluor bei Diabetesspätschäden denken). Eine Empfehlung zur Anwendung von Magnesium fluoratum bei chronischer Tonsillitis findet sich auch bei Julian.
    Uns scheint die Angabe Mezgers wichtig, Magnesium fluoratum bei arterio-sklerotischen Prozessen (Altersherz, Koronarsklerose) in Betracht zu ziehen. Hier sind es vor allem 3 Eigenschaften des Magnesium fluoratum, die wir zur Erklärung heranziehen können: Erstens, die Beziehung zu indurierenden, sklerosierenden Prozessen (Fluoranteil, destruktive Diathese!), zweitens die von Mezger ganz allgemein postulierte Beziehung zum Senium („alterndes Mesenchym“) und drittens, die Affinität des Magnesiumanteils zur Hypercholesterinämie, die bisher aus homöopathischer Sicht zu wenig beachtet wurde.


    Aus dem Gesagten sind Mezgers Angaben „Prostataadenom“ und „Osteoporose“ einsichtig. Wir sollten Magnesium fluoratum bei der Behandlung osteoporotischer Beschwerden öfter in Betracht ziehen und gegenüber dem als bewährt geltenden Calcium fluoratum oder Strontium genauer differenzieren. Ein weiteres Organ, das sich — wie das Pankreas — für die Behandlung mit Magnesium fluoratum anbietet, ist die Schilddrüse, ebenfalls begründbar und vielfältig klinisch abgesichert durch die Tropie der beiden Komponenten Fluor und Magnesium zu diesem Organ. Mezger sieht eine Indikation für Magnesium fluoratum bei „Strumen aller Art“ — selbstverständlich nach genauer homöopathischer Differenzierung und diagnostischer Abklärung —, besonders aber bei jenen, die mit Zeichen einer Hyperthyreose — auch wenn serumchemisch nicht faßbar — einhergehen. Dies deckt sich gut mit den Erfahrungen Dorcsis, der Magnesium fluoratum ebenfalls bei Überfunktionszuständen der Schilddrüse einsetzt und auch die Indikation „Maligne Struma“ nennt.


    Dorcsi hat Magnesium fluoratum mit Erfolg bei Leberzirrhose und bei peripheren Durchblutungsstörungen, zumeist in der D 12, eingesetzt. Über das Mesenchym, die chronische Entzündung, über Verhärtungstendenzen und Sklerose, gelangen wir unschwer zum bradytrophen Gewebe der Lens oculi. Stübler beschreibt in einer „Allgem. Homöop. Ztg.“ aus dem Jahre 1969 eine kurmäßig durchzuführende homöopathische Behandlung der Katarakt, die nach dem Namen ihres Initiators die Bezeichnung WATERLOO-Kur trägt. Dabei ist 17 Tage hindurch morgens 1 Tbl. Calcium fluoratum D 12 zu verabreichen, 17 weitere Tage 1 Tbl. Magnesium fluoratum D 6, dann Magnesium fluoratum D 12 durch 17 Tage und anschließend 4 Wochen lang morgens 1 Gabe Magnesium carbonicum D 8. Zimmermann schreibt in seinem Buch über die Homöotherapie der Augenkrankheiten dieser Kur eine wiederholt gute Wirkung bei der Behandlung der Katarakt zu und meint, daß konstitutionell bedingte Starformen, deren Träger Störungen im Kalzium-Magnesium-Haushalt aufweisen, besonders gut ansprechen. Wir schlagen vor, diese Angaben Zimmermanns und Stüblers auf breiter Basis zu überprüfen. Jedenfalls passen sie gut in das Organ- und Gewebsbild des Magnesium fluoratum, wie wir es bisher erarbeitet haben.


    Über den „Magnesium-fluoratum-Menschen“ wurde bisher wenig gesagt. Er scheint sich hinter jenen Organen zu verstecken, auf die Magnesium fluoratum einen deutlichen Einfluß auszuüben imstande ist. Wir müssen eingestehen, daß wir über die Konstitutions- und Wesensmerkmale des Menschen, der Magnesium fluoratum braucht, sehr wenig wissen. Einen sogenannten „Typus“ aus den Komponenten Fluor und Magnesium abzuleiten, erscheint uns nicht praktikabel. Auch unser Menschenbild von Hepar sulfuris ist schließlich nicht oder nur zum Teil aus der Ehe zwischen Calcium carbonicum und Sulfur erklärbar.
    Aus der AMP können wir zunächst die Organotropie einer Arznei herauslesen. Alles weitere sind Hypothesen, weil das Menschenbild sich erst durch die Erfahrung mit der Arznei am kranken Menschen aufstellen läßt. Erahnen wird man es wohl, doch beschränken wir uns zunächst auf die neben der therapeutischen Bewährtheit sichersten Grundlagen jeder homöopathischen Verordnung, die Arzneisymptome am gesunden Menschen.

     

     

    III. Prüfungsbild

    Geist- und Gemütssymptome

    (2)

    Häufige Rechtschreibfehler (ungewohnt): „Wint“ statt „Wind“, „brächen“ statt „brechen“, läßt Buchstaben aus. Die Fehler fallen der Prüferin unmittelbar auf (Tag 6) Tritt wiederholt auf.
    Muß nachdenken beim Schreiben, Buchstaben „suchen“ (37.—44.), vertauscht Buchstaben in den Wörtern.
    Ab dem 8., 9. Tag: Unlustig, niedergeschlagen, traurig, „habe das Gefühl, daß alle um mich herum viel zuwenig einfühlsam sind“. Reizbar, ungeduldig, unfreundlich gegenüber der Familie. Auch gleichgültig, „stumpf“, weniger mitfühlend als sonst. (Die Prüferin beschreibt sich als sonst „froh, optimistisch, sensibel, mitfühlend“ und ist uns, als bewährte Prüferin, so bekannt). Diese Stimmungslage ändert sich kaum während der Prüfung.
    Sehr unruhig am Abend, kann sich nicht konzentrieren, möchte alles zugleich machen. (33.)
    Auffallend häufiger als sonst kommen ihr Menschen bekannt vor, wenn sie diese anspricht, stellt sich der Irrtum heraus, (ab dem 20. Tag)
    „Merkwürdige Geruchsempfindungen: Ein Stück Brot riecht bittergallig; beim Geschirrwaschen bringe ich einen säuerlich-bitteren Geruch nicht aus der Nase (28.), mittags von Gurkensalat metallischen Geruch in der Nase (43.); für einige Sekunden Gas gerochen (46.)“
    Anm.: Personen in ihrer Umgebung nehmen diese Gerüche nicht wahr, es bleiben unerklärte Empfindungen.

    (4)

    Ausgeglichen, selbstbewußt, gesteigerte Leistungsfähigkeit, sehr konzentriert bei der Arbeit, geduldig (ab dem 31. Tag). (Die Prüferin bezeichnet sich als normalerweise konzentrationsschwach)
    Dagegen: Jede körperliche Arbeit strengt sie an, „gereizt, unkonzentriert; morgens sehr müde, grantig, gereizt“. (39., 56.)

    (8)

    „Gefühl der Unausgeglichenheit und Reizbarkeit“, „Gefühl als ob mich der geringste Anlaß aus dem Gleichgewicht und umwerfen könnte“. (45.)
    „Heftig in Diskussionen, verliere leicht die Kontrolle und Sachlichkeit dabei, ungeduldig“ (55.)
    (untypisch und ungewöhnlich bei dem Prüfer)

    (11)

    „Mache alles wie in Zeitlupe, bin antriebslos, müde, abgeschlagen, mit Gliederschmerzen; Lähmigkeit“ (30.)

    (12)

    „Starkes Wohlbefinden in der Früh nach 5 Stunden Schlaf; Gefühl, alles sei zu schaffen“ (12.)
    Wiederholt leichte Unruhe gegen Abend (noch 4 Monate nach der Prüfung vorhanden).
    Aktivitätsdrang, „Gefühl, unbedingt etwas erleben zu müssen“ (wiederholt).

    (19)

    6. Tag: „Fühle mich unverstanden, ungerecht behandelt, alleine, nur geliebt, wenn ich mich ordentlich benehme, fühle mich beobachtet“ (dabei Schmerzen in allen Muskeln, kein sexuelles Verlangen).
    7. Tag: „Morgens Zusammenbruch, will allein sein, mich irgendwo verkriechen, fühle mich todkrank, alles ist schrecklich“; „Schleier“ im psychischen Befinden, der sich am Nachmittag etwas hebt.
    8. Tag: Morgens: „Ich habe Angst“, vor dem unmittelbar Bevorste henden, vor dem, was sie gerade tun sollte; Besserung im Lauf des Vormittags.
    (Ende der Einnahme am 9. Tag wegen der starken Kopfschmerzen — s.d.)

     

    Schlaf; Träume

    (2)

    Hartnäckige Einschlafstörungen: „Gehe um Mitternacht ins Bett und bin hellwach, wälze mich im Bett herum, es fallen mir alle möglichen Gedanken ein“.
    Am 10. Tag der Nachbeobachtungszeit (NB 10): „Heute zum ersten Mal seit Wochen wieder sofort eingeschlafen“.

    (12)

    Wirre, intensive Träume (27.), danach den ganzen Tag „traumwandlerisch, taumelig, verlangsamt“ (= Fremdbeobachtung), am Nachmittag hingelegt, dabei Wachträume. Gut geschlafen, dabei intensiv geträumt (28., 40.)

    (14)

    Von Beginn an schwere Träume, mit Angst verbunden, voll mit Hindernissen und Grausamkeiten — „bei lebendigem Leib wird jemandem das Hirn aus dem Kopf genommen“ oder „Soldaten brechen in ein Krankenhaus ein und richten darin Verwüstungen an“ (Träume sonst nicht annähernd so angsterfüllt).
    Doch morgens frischer als sonst, ist vor der Zeit hellwach und kann nicht mehr einschlafen (ungewöhnlich).

    (18)

    Wiederholt Träume erotischen Inhalts; nächtliches Erwachen mit Erektion und Kopfschmerz (s. d.) 15. Tag.

    (21)

    Erschwertes Einschlafen nach ausnahmsweise abendlicher Einnahme der Prüfarznei (5., 15. Tag).

     

    Kopfschmerz

    (2)

    Dumpfer bohrender Schmerz rechts parietookzipital, am Nachmittag (13.); dumpfer Schmerz in Stirn, Schläfen, Augen, „als ob ein Hohlraum zwischen Hirn und Schädel wäre“ (15., 16.);
    plötzlicher heißer brennend-stechender Schmerz in der linken Kopfhälfte, 2 oder 3 Minuten dauernd (25.) Druck von innen gegen die Augen, gegen die Orbita, in den Schläfen, besser in Dunkelheit und Ruhe und wenn sie das Gesicht in Polster oder Hände legt (30.) reißender, wellenförmiger starker Schmerz von der Stirn beidseits nach hinten ziehend, am Nachmittag (32.) ebensolcher Schmerz vom linken äußeren Augenwinkel nach hinten ziehend — tritt gegen 22 Uhr plötzlich auf und wird 20 Minuten später ebenso plötzlich schwächer (42.); bohrender Schmerz in der rechten Schläfe, kurzzeitig (54.).

    (4)

    Dumpfer Schmerz in der Stirn am Vormittag (21.)

    (11)

    Beim Erwachen starker Schmerz in der rechten Stirn, besser am späten Abend (8.), am nächsten Tag beim Erwachen Schmerz in linker Schläfe und Stirn. Häufig leichte Schmerzen in Stirn und Schläfen.

    (14)

    Kopf „dumpf“, drückender Schmerz in der rechten Schläfe am Vormittag, Höhepunkt mittags, gegen Abend allmählich besser (2.); leichter Schmerz nach dem Erwachen (4.). — (normalerweise selten Kopfschmerzen).

    (18)

    Auch dieser Prüfer leidet sonst fast nie an Kopfschmerzen: Nackensteifigkeit, dann drückende Schmerzen von hinten an die Schläfen ziehend, rechts mehr als links, dabei sehr müde (11.); den nächsten Tagen gleicher Schläfenschmerz, nur mehr rechts.
    Nachts mit wildem punktförmigen Schmerz an der rechten Schläfe aufgewacht, am Morgen flutet der Schmerz wieder an (16.).

    (19)

    Mittags plötzlich heftiger stechend-bohrender Schmerz rechts okzipitotemporal, in Wellen, streng lokalisiert, dauert etwa eine halbe Stunde. Druck bessert etwas (8.) Am nächsten Tag: „Schmerz wird vernichtend“, strahlt etwas zur Stirn aus, sonst gleich. Die Arznei wird abgesetzt s. a. „Geist/Gemüt“.
    Bis NB 10 ein- bis zweimal täglich der beschriebene Schmerz, eher im Hinterkopf, nicht mehr so intensiv.

    Schwindel

    (1)

    Schwindel bzw. Unsicherheit beim Gehen im Freien und beim Niederlegen: „Wie auf Watte“, „wie nach etwas Alkohol“ (2., 3., 29.)

    (17)

    Am Nachmittag wiederholt diffuses Schwindelgefühl, auch im Sitzen (9.)

    (18)

    Wiederholt „Schwindelgefühl“, kein richtiger Dreh- oder Schwank
    schwindel (13.)

     

    Auge

    (17)

    Dumpfer tiefsitzender Schmerz im linken Auge am Nachmittag, Druck auf den Augapfel schmerzt; keine Rötung (56.) Dieselbe Empfindung am nächsten Tag, dazu „Brennen im inneren Augenwinkel, das sich die Nase hinaufzieht“.

     

    Ohren

    (1)

    Klingen im linken Ohr, während sie abends im Bett liegt, in Intervallen (5., 4L, 55.)
    „Höre abends für kurze Zeit das Schnurren meiner Katze, ohne daß diese in der Nähe ist“ (18.).

    (2)

    Dumpfer, stechend-bohrender Schmerz im linken, dann im rechten Ohr gegen Abend und „das Gefühl, als ob kühles Wasser im linken Gehörgang wäre“ (4.)
    Während des Frühstücks Knistern im rechten Ohr, wenn sie kaut, „als ob Flüssigkeit drinnen wäre“ (5.)
    Plötzlich am Vormittag für einige Minuten tiefsitzender bohrender Schmerz im rechten Ohr (16.)

    (4)

    Ab dem 21. Tag häufig Beschwerden im Ohrbereich, anamnestisch Otitis media im Jahr 1980:
    „Leichtes Brennen im rechten Ohr“, „wie verlegt, verschlagen“, „wie bei einem Tubenkatarrh“. Wiederholt stechende juckende Schmerzen im rechten Ohr, bisweilen Verschlimmerung bei Berührung, in Kälte, nachmittags. Ebenso beim Fahren über hügeliges Gelände, und zwar beim Hinauf- und Hinunterfahren. Leichte Rötung um den äußeren Gehörgang (NB 3). „Am Nachmittag Stechen im rechten Ohr, nur einige Sekunden lang, aber sehr schmerzhaft, bald darauf Ohren wie taub“ (46.).
    Abklingen aller Ohrbeschwerden einige Tage nach Absetzen der Arznei.

     

    Atmungsorgane

    (2)

    Ständiger Hustenreiz ohne erkältet zu sein; „Reizhusten, als ob ich verschleimt wäre“ (23.—26.), etwas wäßriger Schleim wird hochgebracht (27.)

    (4)

    „Leichte Atembeschwerden, Gefühl, keine Luft zu bekommen, muß tief Luft holen“ (22.).
    Anm.: Die Prüferin kennt solche Beschwerden aus Streßsituationen, etwa bei Prüfungen im Rahmen des Studiums. Zur Zeit der AMP leidet die Prüferin nicht unter Streß, die Symptome entbehren ihrer üblichen Auslösung.
    „Schweres Atmen mit tiefem Luftholen den ganzen Tag über, Beklemmungsgefühl über der Brust“ (26.). Wiederholt, vorwiegend abends, auch morgens.
    (Anm.: Herzsymptom?)
    Am „Nachmittag heftiger Hustenkrampf, als ob ein Haar oder Staubkorn in der Luftröhre stecken würde — einige Minuten dauernd“ (51.)

    (12)

    Infekt, beginnend mit Jucken und Brennen in der Nase am Vormittag, dann Nasenlaufen, Hals-, Kopf- und Gliederschmerzen, erhöhte Temperatur.

    (17)

    Morgens 2 Niesanfälle bei verstopfter Nase, „niese blutiges Sekret, auch reines Blut“ (12., bei einem hartnäckigen Infekt mit Husten, verstopfter Nase, Stirnkopfschmerz und Krankheitsgefühl wie bei Sinusitis (* An dieser Sinusitis, bei der der Prüfer reichlich eitriges Sekret produziert, leidet er noch monatelang. Eine Linderung tritt durch Nux vomica ein, doch erst ein Jahr später äußern sich allfällige Infekt-Beschwerden nicht mehr sofort als Sinusitis): Die saisonale Rhinitis, der „Heuschnupfen“, tritt nach dieser AMP deutlich geringer als in den Jahren davor in Erscheinung!

    (18)

    Am Vormittag vor der Einnahme plötzlich Nasenjucken, Niesen, wäßriges Sekret fließt reichlich {2—7.; wie der Prüfer (17) Heuschnupfenanamnese, und, ebenso geringere Beschwerden in der nachfolgenden Saison. Dagegen treten die bekannten Symptome zu ungewohnter Jahreszeit, eben zur Zeit der AMP auf.)
    „Fühle mich plötzlich müde, verkühlt, mir ist kalt“ (20. und 23. Tag, an den beiden Tagen dazwischen keine solchen Beschwerden)
    „Um etwa 18 Uhr kriege ich im Zimmer plötzlich keine Luft mehr, ich muß das Fenster öffnen, obwohl es draußen kalt und im Zimmer nicht überheizt ist“ (Anm.: Herzsymptom?), dabei Unwohlsein im Magen, etwas wund in der linken Nasenwangenfalte (24.) „Etwas Schleim hat sich am Luftröhreneingang angesammelt und reizt zum Husten. Dabei Kältegefühl, kein Krankheitsgefühl“ (32.)
    Abends beim Niederlegen beginnt die Nase zu laufen (33.) Nasenlaufen den ganzen Tag über (35.—38.) Abbruch der Prüfung am 42. Tag wegen eines grippalen Infekts (s. allgemeine Betrachtungen über den „MAG.-FLUOR-Infekt im Kapitel IV)

    (19)

    Halsschmerzen mit Reizhusten, beginnender Schnupfen, Mattigkeit, Krankheitsgefühl (2.)

     

    Herz

    (4)

    „Morgens und am Vormittag Herzklopfen, salvenartige Extrasystolen, vor allem in Ruhe und bei mäßiger Bewegung, nicht bei Anstrengung(32.)“
    Anm.: Aus Streßsituationen bekannt — s. Bemerkungen bei den Symptomen „Atmungstrakt“; ungewöhnlich auch das morgendliche Auftreten der Beschwerden.
    Ähnliche Vermerke am 33., 45., 56; NB 4.
    „Am Nachmittag leichtes Herzkrampfen, verschwindet nach wenigen Sekunden“ (51.)

    Verdauungsorgane; Appetit

    (2)

    „Den ganzen Tag durstig, obwohl es kalt ist“ (über etwa zwei Wochen zu Beginn der AMP)
    „durstig, am Abend fast einen halben Liter Apfelsaft in zwei Minuten getrunken“ (33.)
    „kaum Hunger, auch wenn ich fast nichts gegessen habe“, wenig Appetit, mit wenig Essen satt (18., 41.)
    „seit Tagen kann ich vor Zuckerlgeschäften stehen und finde trotz vieler guter Sachen nichts was ich gerne hätte, obwohl ich Hunger habe — sonst esse ich gerne Süßigkeiten, besonders mit Schokolade, jetzt habe ich kein Verlangen danach“ (27.)
    Hungergefühl, vor allem vormittags um 10 Uhr — muß nur wenig essen um satt zu sein (26.)
    Übelkeit mit Druckgefühl im Epigastrium gegen Abend, Aufstoßen nach Frankfurter Würstchen (34.)

    (4)

    Mundschleimhaut in Mitleidenschaft gezogen ab dem 6. Tag: „Rhagade am linken Mundwinkel“, Aphthe an der Innenseite der Unterlippe, schmerzhaftes Knötchen an der Wangenschleimhaut links, schmerzhaftes Bläschen am rechten Zungenrand, an Ober-, später an Unterlippe, wiederholt; Brennen am rechten Zungenrand, heftiges Jucken im linken Mundwinkel.
    Anm.: Der Prüferin sind solche Beschwerden nicht ganz fremd, jedoch höchst ungewohnt in dieser Häufigkeit.
    „Muß ständig etwas essen, vor allem Appetit auf Süßes“ (22.)

    (7)

    Brennschmerz an der Zungenspitze, „wie verbrannt“ (24., 25.)

    (8)

    „Seit Mittag zunehmende Zahnschmerzen links oben, Kälte bessert etwas, Wärme und Zugluft verschlimmern“ (16.)
    Am nächsten Tag „reizbar, ganz eingenommen“ von den Zahnschmerzen, die jetzt mehr in den Bereich der linken Kieferhöhle strahlen;“ abends „Frösteln und Frieren, nichts kann mich erwärmen.“ Glieder-, Hals- Nackenschmerzen, Brennen im Hals, am Gaumen und in der Nase. (16.—20., zahnärztliche Vermutung: „Pulpitis“ — diesbezüglich keine Anamnese) — s. a. allgemeine Betrachtungen über den „Mag.-Fluor.-Infekt“ in Kap. IV.

    (9)

    Wiederholt Aufstoßen, „als ob die Peristaltik nach oben ginge“, fallweise „Sodbrennen“ (der Prüferin bekannte Verdauungsbeschwerden sind durchfälliger Stuhl und Bauchschmerzen; Besserung aller Beschwerden später unter Chelidonium und Nux vomica)

    (11)

    Starke schneidende, krampfartige Bauchschmerzen kurz vor bis eine halbe Stunde nach dem Stuhlgang (ab NB 3 zehn Tage lang), auch: „als ob in der Körpermitte etwas sehr Schweres liegen würde, das nach unten zieht“. Hungergefühl vor den Mahlzeiten (mittags und abends) mit leichter Übelkeit (NB 6).

    (12)

    Hat während der AMP auffallend weniger Appetit als sonst und nimmt 2—3 kg Gewicht ab. Danach ist der Appetit wieder wie früher.
    Weiche, zum Teil breiige Stühle, 3—4 x am Tag, auch nachts, Farbe
    unauffällig, ungewohnt, kein Diätfehler bekannt (6.—9. und
    36.-39.)
    „Leichtes Stechen in der Lebergegend“ (40.—41.), auch: „leichter
    Druckschmerz“ ebenda.

    (17)

    Wunde Stellen am Zahnfleisch (7.-11., 33.)
    Schmerzen in den Zähnen der linken Seite (22.) sowie im Bereich der oberen Schneidezähne, „kaum zu beschreibende Mißempfindung“ (40.)
    Ab dem 23. Tag über etwa zwei Wochen vermerkt der Prüfer, 1—2 x täglich breiigen Stuhl zu haben, normal gefärbt, zum Teil mit starken, übelriechenden Winden verbunden. Beim Abgang von Winden wird bisweilen die Wäsche beschmutzt.

    (18)

    Stuhl heller als gewöhnlich (5.-7.); viele Blähungen (7.); Stuhl weich mit vielen Blähungen, die mit dem Stuhl abgehen (22.-25.); abends lehmfarbener Stuhl (32.); „Tagelang Völlegefühl so stark, daß ich nichts essen mag“ (36.) „Flüchtige Zahnschmerzen, dort und da, ca. 3 Tage lang“ (12.)

     

    Harnorgane

    (4)

    „Seit einigen Tagen verstärkter Harndrang, suche öfter als gewöhnlich die Toilette auf, der Harn ist hell“ (25.)

    (11)

    „Abends dunkler, scharfriechender Harn“ — sonst nie beobachtet (42.)

    (12)

    muß am Nachmittag viermal Harn lassen — ungewohnt (33.)

    (17)

    Gegen Abend fleckige Rötung der Glans penis, Juckreiz, leichtes Brennen (9.), mit Brennen in der Harnröhre (11.), Brennen in der Harnröhre beim Urinieren (NB 7—14).

     

    Geschlechtsorgane und -empfinden

    (2,w)

    Geschlechtliches Verlangen „vermindert bzw. nicht vorhanden“, „Empfinden kaum beeinträchtigt“ (ab etwa 27.) „Sexuelles Verlangen seit einigen Tagen normalisiert“ (NB 17).
    Leichte Blutung zwei Tage nach Ende der Regelblutung (47., unter Pille — kam noch nie vor)

    (14,m)

    „Gesteigerte Libido“, „verliebt sich“ (etwa 14., noch wenige Tage vorher „Stimmungslage depressiv“, „Wunsch, eine ganz andere Tätigkeit an einem anderen Ort auszuführen“)

    (17,m)

    Gegen Abend fleckige Rötung der Glans penis, Juckreiz, leichtes Brennen (9.), mit Brennen in der Harnröhre (11.), Brennen in der Harnröhre beim Urinieren (NB 7—14). „Seit dem ersten Einnahmetag deutlich vermindertes sexuelles Verlangen. Gestern Ejaculatio praecox, danach heftige Schmerzen an der Glans, als ob wund; geringe Rötung; Gefühl von Spannung an der Penisspitze“, „hätte schreien können“ (22.); zwei Tage später keine Probleme beim Verkehr.
    „Mir fällt auf, daß mein sexuelles Verlangen in den letzten Tagen deutlich gesteigert ist“ (28.)
    „In letzter Zeit sexuelle Fantasien, stelle mir Frauen nackt vor, selbst wenn sie mir mißfallen“ (38., dauert 2—3 Wochen, dann wieder normales Verhalten)
    „Ziehender Schmerz rechts inguinal, leichter Wundschmerz im Skrotum, Wundheitsgefühl und Brennen am Damm bis zum After. Wärme bessert?“ (22.; „Prostatopathie“ vor neun Jahren) — gebessert am nächsten Tag.
    „Abends heftige stechende Schmerzen rechts inguinal, wie Samenstrangschmerz, einschießend“; läßt nach und dauert dann noch eine halbe Stunde, wiederholt sich kurz darauf (NB 5). Geringere Leistenbeschwerden (12., 14, 34).

    (18,m)

    Starkes sexuelles Verlangen (7.), „sexuelle Fantasien, Träume erotischen Inhalts, starkes sexuelles Verlangen (etwa 25.-35.), nachts mit Erektion und Kopfschmerz aufgewacht (15.) Jucken an der Glans, leichte Rötung (8.)

    (19,w)

    kein sexuelles Verlangen (während depressiver Stimmungslage (6.) ziehender Schmerz im Leisten-/Genitalbereich (7.) Regelblutung außergewöhnlich stark, ungewohnt auch das Fehlen der praemenstruellen Kopfschmerzen und der Unterbauchschmerzen am ersten Tag der Blutung (13.); sehr müde.

    (21,w)

    Schwellung einer Bartholini-Drüse (13. und NB 6: jeweils nach Hepar sulf. D 200 beschwerdefrei)
    Regelblutung schmerzlos (sonst schmerzhaft) (10.)
    nächste Regel, in Einnahmepause, schmerzhaft; dann, wieder unter Arznei, schmerzlos; dann, unter Arznei, sehr schmerzhaft, mit intensiver Übelkeit; nächste, wieder unter Arznei, schmerzfrei.

     

    Stütz- und Bewegungsapparat Periphere Nerven

    (1)

    Um den 7. Tag beginnen die bekannten Schmerzen an der linken Hüfte (röntgenologisch gesicherte Coxarthrose) und an den Daumengrundgelenken zuzunehmen. Vom 12.—17. Tag hinkt die Prüferin wegen der starken Hüftschmerzen, die nun in den Oberschenkel ausstrahlen. In dieser Zeit treten auch (früher ab und zu verspürte) ziehende-brennende Schmerzen im Brustbeinansatz der 3. und 4. Rippe beidseits auf, die sich auf Druck verstärken.
    Ab dem 16. Tag beginnen die Beschwerden nachzulassen, die Beweglichkeit in der linken Hüfte nimmt deutlich zu (Fremdbestätigung), die Besserung hält vier Monate nach der AMP noch weiter an. Die Beschwerden in den Daumengrundgelenken lassen ebenfalls nach und sind nun jenen vor der AMP vergleichbar.

    (2)

    Am Morgen des 2. Tages leichter ziehender Schmerz im rechten Arm, ulnarseitig, mit Taubheitsgefühl (3.); der rechte Oberarm berührungsempfindlich. Abends Wärmegefühl, Kribbeln, Taubheitsgefühl in der Beugeseite des rechten Unterarms, breitet sich in Oberarm und die Finger IV und V an deren Ulnarseite aus (Anm.: Verlauf des N.ulnaris). Abends plötzlich dumpfer bohrender Schmerz im Grundgelenk des linken Kleinfingers, Druck verschlimmert; plötzliches Ende der Schmerzen nach einer halben Stunde (10.) Ziehende Muskelschmerzen im Bereich der rechten Ellenbeuge nachmittags, besonders beim Abwinkeln des Armes und Anspannen der Muskeln (15.)
    Plötzlich, am Nachmittag, dumpfes Gefühl am rechten Mittelfinger (an der Radialseite des mittleren Gliedes), „vom Knochen ausgehend“, Fingerbeugen verschlimmert, Dauer etwa zehn Minuten (20.) Kribbeln an der Spitze der rechten Großzehe (6., 23.) abends beim Duschen plötzlich dumpfer bohrender Schmerz links neben der Brustwirbelsäule, für 5 Minuten (24.); spontaner Schmerz der rechten lateralen Fußwurzelknochen, ziehender Art; Druck, Plantarflexion und Gehen schmerzen (31., 32. und 37., dazwischen keine solchen Symptome) „Plötzlich minutenlanger starker stechender Schmerz“ an der Innenseite des oberen Sprunggelenks (39.)
    Stechender Schmerz an der Innenseite des linken Knies bei Bewegung und Belastung (53.), drei Tage später an der Außenseite; kurzer ziehender Schmerz im rechten Fuß vom äußeren Knöchel nach vorn ausstrahlend (54.)
    NB 17: „Seit Ende der AMP keine plötzlich auftretenden Schmerzempfindungen mehr“.

    (4)

    „Schmerzhafte Muskelverspannung im Bereich der Halswirbelsäule, rechts mehr als links, ziehender Art, Verschlimmerung bei Drehung des Kopfes (21.—26., vor einem halben Jahr gehabt, damals half Rhus tox.)
    „Heute früh schwoll die rechte Hand etwas an, beim Abbiegen der Finger Spannungsschmerz, vor allem um den Mittelfinger“, dauert etwa eine halbe Stunde — „völlig unbekannt“, (50., 51. und 5 bzw. 9 Tage später = NB 4 und 8), besser nach Waschen.

    (7)

    „Abends nach der Sauna Schmerz in der rechten Großzehe, wie von einem einwachsenden Nagel. Die Stelle ist jedoch nicht gerötet oder geschwollen — (8.) — erinnere mich, das schon vor 2 oder 3 Tagen gespürt zu haben, aber sehr leicht. Komme vor Schmerzen fast nicht in den Schuh.“
    9. Tag: „In der Nacht manchmal wegen der schmerzenden Zehe aufgewacht. Heute früh starker Schmerz in der Zehe, an einem ganz gewissen Punkt, kann kaum gehen.“ (Die Prüferin fertigt eine Zeichnung an, auf der als Schmerzpunkt das distale Ende des medialen Nagelfalzes der rechten Großzehe bezeichnet wird.) „Zu Mittag sind die Beschwerden weg.“

    (8)

    „Seit einigen Tagen bisweilen lebhaftes Zucken des rechten Oberlides und, seltener, des linken Daumens“ (45., 48., 50., 59.), auch der rechten Nasolabialfalte; auch: „besonders bei Konzentration, z. B. beim Autofahren“.
    Anm.: Drei Monate später vorübergehendes Wiederauftreten.

    (9)

    Beim Kauen plötzlich Schmerz im linken Oberkiefer, kurzzeitig, „in der Tiefe empfunden“ (7.)

    plötzlich stechender Schmerz im linken Daumen, einige Stunden später in der rechten Mittelhand, wiederholt sich mehrere Male. „Plötzlich eher dumpfer Schmerz in der rechten Elle“ — „in der Muskulatur, im Knochen“ (11.)
    „Mittags stechende Schmerzen über dem linken Auge, Hinlegen bessert etwas; nach dem Aufstehen neuerlich: stechende Schmerzen in der linken Gehirnhälfte und über dem linken Auge“ — „ich habe selten Migräne, und die ist sonst pulsierend“ (14.)

    (17)

    „Plötzlich auftretende, allmählich verschwindende“ Schmerzen, z. B. am rechten Mastoid, in den Fingern; „ziehend, fast pulsierend“ (9.)
    Morgens ziehende Schmerzen bds. inguinal mit allgemeinem Kältegefühl (12., 14., 34.)
    „Ziehend-neuralgische Schmerzen an verschiedenen Stellen: An der Ulnarseite des rechten Unterarms, am linken inneren Knöchel, in den Zähnen links; jeweils einige Minuten dauernd, langsam auf- und abschwellend“ (22.)
    „Untertags schmerzt der rechte Rippenbogen dumpf, diffus. Diese Empfindung kommt und vergeht mehrmals“ (24.; bis in die Zeit der Nachbeobachtung tritt dieser Schmerz immer wieder auf, häufiger am linken als am rechten Rippenbogen, langsam auf- und abschwellend.)
    „abends Knochenschmerz in der Mitte der linken Tibia“ (24.)
    „abends ziehender Schmerz an der linken Tibiavorderkante zwischen mittlerem und distalem Drittel“ (29.)
    „am Nachmittag ziehende Schmerzen am linken Handgelenk ulnarvolar, gleichzeitig am linken Knie (medial) und am linken Rippenbogen“ — nach einer Stunde weg (27.)
    Ab dem 39. Tag etwa drei Wochen Parästhesien und Hyperästhesien an Fingerkuppen; darunter Empfindungen wie „Schreiben schmerzt, weil ich am rechten Daumen die Weichteile zwischen Schreibgerät und Knochen einklemme“ (NB 6) oder „unangenehmes Gefühl am rechten Daumen, als ob der Knochen von innen auf die Weichteile drückt“ (NB 12)
    Hypästhesien um den Mund (47.—51.) und an der rechten Ohrmuschel (48.)
    Hinkt, geht wackelig, schief, Beine geben nach — Schwäche, kein Schmerz (45.)
    „Schmerz im linken Hüftgelenk morgens nach dem Aufstehen, auch echte Schwäche mit Hinken und Einknicken — es ist ein stechender nicht sehr starker Schmerz an einer umschriebenen Stelle vorne am Hüftgelenk“ (NB 40)
    Anm.: Der Prüfer leidet auch noch monatelang unter einer Sinusitis mit reichlich Sekret, die Wirkung der Prüfarznei reicht also mit in die Zeit nach Einnahme.
    „Im Sitzen zuckt das linke Bein plötzlich, so daß der Unterschenkel nach vorne schnellt“ (47.)
    „Beim Erwachen, im Bett, stechend-pulsierender Schmerz in der linken Flanke, tiefsitzend, wie von der Niere kommend, etwa eine Minute lang, ziemlich intensiv“ (53.) und:
    „Um ca. 20 Uhr plötzlich an der Dorsalfläche der linken Kleinzehe das Gefühl, als wäre ein Wassertropfen daraufgefallen“, mehrmals ziehender Schmerz („rheumatoid“) an der linken Elle („Knochenschmerz“) (44.)

    (18)

    „Prickeln und Taubheitsgefühl am behaarten Kopf vor dem Mittagsschlaf, danach auch um den Mund. Gegen Abend nur noch andeutungsweise“ (35.)

    (19)

    Am Morgen schmerzt plötzlich das linke Handgelenk, „als hätte ich zuviel geschrieben“ (4.); „alle Muskeln schmerzen“ (5., 6.); „abends tiefsitzender Schmerz in der linken Achselhöhle“ (10.), geringer am nächsten Tag.

    (21)

    Die Prüferin berichtet von heftigen, in der Tiefe („im Knochen“) empfundenen Schmerzen, die wegen Einnahmepausen mit anschließendem Neubeginn reproduzierbar waren, d. h. ziemlich verläßlich wieder auftraten:
    Zunächst „um 4 Uhr nachts wach geworden von intensivem, wellenförmigem Schmerz im rechten Oberarm“, im Knochen oder Muskel empfunden, „kommend und gehend über eine halbe Stunde“ (14.). Am Nachmittag ähnlicher Schmerz am linken Fuß, von der Sohle bis zur Wade; „Schneefall am nächsten Tag“ (die Prüferin bezeichnet sich als sonst nicht wetterfühlig).
    Nach einer Einnahmepause und Neubeginn: am 11. Tag starker Tibiaschmerz links im unteren Drittel, wellenförmig, dumpf, „im Knochen“. Hält 4 Tage an, die Prüfung wird deswegen unterbrochen. Als die Prüferin neuerlich mit der Einnahme beginnt, stellt sich am 3. Tag abends ein „Knochenschmerz in der linken Hand und im linken Unterarm ein. (Wieder Schneefall.)
    Nach neuerlicher Pause und Wiederbeginn am 9. Tag plötzlich heftige Schmerzen am rechten Daumen, „wahnsinnig“, „als ob der Knochen aufgelöst oder abgebrochen wäre“. Kurz darauf wieder der bekannte Tibiaschmerz, links, im unteren Drittel, „intensiv, wellenförmig, gut lokalisierbar“. Ebenso am nächsten Tag, dann endgültiges Ende der Einnahme.

     

    Haut, Haare

    (1)

    Die Prüferin leidet an Juckreiz an den Armen; nach dreiwöchiger Einnahme fällt ihr auf, daß Kratzen nicht wie sonst die Beschwerden verschlimmert, sondern den Juckreiz eher lindert.
    Haut wird immer trockener (36.), Haare fallen mehr als gewöhnlich aus. Die Haut am rechten Arm so stark gereizt, daß das Abtrocknen mit dem Handtuch wehtut (56.)

    (12)

    Stärkerer Haarausfall als gewöhnlich (31., 32., 40., 43.)

    (21)

    Trockene Schuppung an der linken Handfläche, weder Juckreiz noch Rötung (15.—19.; hatte die Prüferin vor ca. 25 Jahren).

     

    Zwei Prüfer berichten ungewohnte Empfindungen an den Brustwarzen:

    (2,w)

    Am Vormittag des dritten Tages beißender, bohrend-stechender Schmerz in der linken Brustwarze, Besserung auf Druck. Am nächsten Tag, um die Mittagszeit, auch rechts, „wenn sie daran denkt“. Die rechte Brustwarze hart, leicht geschwollen und gerötet. Druck schmerzt („sticht“), besser am Nachmittag und durch Ablenkung, schlimmer gegen Abend. Am Tag darauf nur mehr geringe Beschwerden.

    (17,m)

    „Am Vormittag beide Brustwarzen sehr empfindlich, mit wundem Gefühl im Bereich des vorderen Thorax“ (11.).

     

    Wärmeregulation, Schweiße

    (11)

    Vom 15. bis 59. Tag (= NB 17) häufig plötzliche Hitzegefühle im Gesicht (seiner Frau fällt die Gesichtsröte auf), im Rachen, an den Händen, auch am ganzen Körper. Mehrmals Nachtschweiß, so daß der Pyjama durchgeschwitzt ist. Daneben fröstelt der Prüfer auch, hat kalte Hände und Füße. Kalte Gegenstände anzugreifen wird als sehr unangenehm empfunden, etwa ein Milchpackerl aus dem Kühlschrank (28.)

    (17)

    Zunächst ungewohnte Kälteempfindungen: „Den ganzen Tag kalte Füße (12., mit Ziehen im Leistenbereich), unter der Bettdecke Kältegefühl an Brust und Händen“ (13.), „morgens sehr kalte Füße (14., mit Ziehen in der Leistengegend), erwache mit Kältegefühl in den Füßen, um die Brust, mit Harndrang“ (32.)
    Später: „Kann in der Wohnung barfuß laufen, ohne daß mir kalt wird“ (39.; hatte vorher durchnäßte Socken in den ersten naßkalten Schneetagen!). Und: „Morgens im Bett Schwitzen an den Beinen“ (40.)

    (18)

    Den ganzen Tag unverhältnismäßig kalt, trotz Pelzschuhen kalte Füße (32.)

     

     

    IV. Kommentar zum Prüfungsbild

     

    „Wenn auch unser Wissen über die Bedeutung und die Aufgabe des Magnesiums im Lebensprozeß noch außerordentlich lückenhaft genannt werden muß, so läßt sich doch aus der Tatsache, daß dieses Element aus der Gruppe der Erdalkalien, das einen wesentlichen Bestandteil des menschlichen und tierischen Körpers ausmacht, schließen, daß es auch ein Arzneistoff von hoher Bedeutung sein dürfte, ja man kann sagen, sein muß.“

    Diese Worte stammen von Julius Mezger, auf den wir uns in dieser Arbeit schon wiederholt bezogen haben. In diesem Kapitel soll zunächst versucht werden, die Prüfungen von Magnesium carbonicum (Hahnemann, Mezger) und Calcium fluoratum (Mezger) mit der hier vorliegenden zu vergleichen, was uns über die Frage Aufschluß geben soll, ob es sich bei Magnesium fluoratum um eine Arzneikombination handelt, die man sich ausrechnen konnte, die vielleicht auch verzichtbar wäre, oder um eine Arznei, die ein eigenes Gesicht besitzt. Im Anschluß an diesen Vergleich sollen weitere Beobachtungen aus der vorliegenden AMP die Kenntnisse über Magnesium fluoratum vertiefen.

    A) Vergleich mit bisher vorliegenden Prüfungen

    Geist- und Gemütssymptome zu erfassen scheint ein zumeist schwieriges Unterfangen zu sein, da man ja an gesunden Menschen prüft. Wenn überhaupt Symptome in diesen Bereichen auftreten, sind sie häufig unbestimmt, undifferenziert und ambivalent. Um so mehr darf uns die Übereinstimmung mit den älteren Prüfungen freuen. Bemerkenswert fanden wir die Angaben der Prüferin (2), die von ihren Rechtschreibfehlern berichtete. Dieses Symptom hatten wir zur Repertorisation vor Bekanntgabe des Codes herangezogen. Unter „mistakes, writing in“ (SRI, 750) finden sich Acidum fluoricum und Magnesium carbonicum, allerdings in einer großen Rubrik im niedrigsten Grad.

    Schlafstörungen waren Mezger bei den Magnesiumsalzen wichtig. Wir haben ebenfalls charakteristische Veränderungen der Schlafgewohnheiten gefunden, zusätzlich führen wir Träume an, bei deren Bewertung man besondere Vorsicht walten lassen muß!

    Bei den Kopfschmerzen halten wir uns in den Vergleichen mehr an die Qualitäten als die Lokalisationen. Schon bei Hahnemann finden wir eine eindrucksvolle lange Liste von Kopfschmerzen bei Magnesium carbonicum. Im Vergleich mit den Mezgerschen Prüfungen kann man feststellen, daß der Kopfschmerz bei Magnesium fluoratum eher dem von Calcium fluoratum ähnlich ist. Der Fluoreinfluß scheint hier zu dominieren. Der Schmerz wird als bohrend, reißend, wellenförmig, pulsierend, wild beschrieben und hat mitunter höchste Intensität, wird auch als „vernichtend“ angegeben.

    Die Überempfindlichkeit bei Fluor stellt Mezger unter der Rubrik Sinnesorgane heraus. „Das Geräusch eines Radios im Nachbarzimmer kann nicht ertragen werden“, heißt es da, unsere Prüferin (1) kam wohl in die Nähe einer solchen Empfindung. Der überempfindliche Geruchssinn (Prüferin 2) mag uns eine Brücke sein zu den Allergiebeschwerden (Prüfer 17 und 18), die in unserer AMP auftraten im Sinne einer therapeutischen Wirkung. Die Hypästhesien und Hyperästhesien (unter Bewegungsorganen), die wir dem Tastsinn zuordnen, sind in diesem Zusammenhang eine Bestätigung einer „sensorischen“ Wirkung von Magnesium fluoratum.

    Irritiert hat uns das Fehlen von ausgesprochenen Schilddrüsensymptomen bei der vorliegenden Prüfung. Dies war wohl mit ein Grund, warum die Arznei nicht identifiziert werden konnte. Dazu muß gesagt werden, daß keiner unserer Prüfer eine Schilddrüsenanamnese hatte. Mezger zog bei seinen Prüfungen bewußt solche Prüfer hinzu, nachdem er sich eines dem Gesunden nahekommenden Gleichgewichtszustandes versichert hatte. Solche Prüfer reagierten bei Mezger erwartungsgemäß mit Schilddrüsensymptomen.

    Schwierig ist es auch immer wieder, in einer Prüfung Herzsymptome zu bekommen. Um so höher muß es gewertet werden, daß sowohl bei Calcium fluoratum als auch bei Magnesium fluoratum das Symptom einer „Beklemmung“ auftrat. In einem Fall wurde es durch Gegendruck mit Fäusten, im anderen Fall durch frische Luft gebessert. Dieses Symptom findet sich übrigens auch in der Hahnemann'schen Prüfung von Magnesium carbonicum.

    Bei den Atmungsorganen sind alle Prüfungen reichhaltiger und vielfältiger. Die therapeutische Wirkung bei Pollinosis (17, 18) und die tiefgreifende Beeinträchtigung des Prüfers (17), der die Sinusitis-Beschwerden bekam, wurden im Text erwähnt. Ansonsten ist die Übereinstimmung vor allem mit den Mezgerschen Angaben befriedigend.

    Tritt während einer AMP ein Infekt auf, ist dies häufig Anlaß für eine Unterbrechung oder sogar den Abbruch der Prüfung. Meist handelt es sich um interkurrente (?) banale Infekte der oberen Atemwege. Bei Mag. fluor scheint es uns kein Zufall zu sein, daß die Mehrzahl der Prüfer einen solchen Infekt erlitt. Er zeigte ein von der Arznei geprägtes Bild. Die Symptome setzten rasch ein („fühle mich plötzlich müde, verkühlt, mir ist kalt“), das Nasensekret war reichlich und stockte nur selten. Wurde ein Husten beschrieben, handelte es sich meist um Reizhusten ohne Expektat. Die Prüfer gaben ein deutliches Krankheitsgefühl an, das auch mit Kopf- und Gliederschmerzen verbunden war.

    An den Verdauungsorganen ist eine Trennung zwischen Magnesium- und Fluorsymptomen nicht möglich. Schon aus den Prüfungen von Magnesium carbonicum und Calcium fluoratum, ohne Berücksichtigung der großen klinischen Erfahrungen mit diesen Arzneien, erkennt man das weite Wirkungsfeld jener Arzneien und des hier geprüften Magnesium fluoratum. Bei Mezger sind auch Aftersymptome beschrieben (Jucken, Hämorrhoidenblutung), bei Magnesium fluoratum kommen Symptome im Mundbereich hinzu. Sonst ist die Übereinstimmung einmal mehr bemerkenswert.

    Überzeugend war das Ansprechen bei den Harn- und Geschlechtsorganen und dem Geschlechtsempfinden. Bis ins Detail gleichen hier die Symptome jenen der älteren Prüfungen, vor allem des Calcium fluoratum Mezgers. Libidoverhalten, Regelsymptome, Balanitis und Prostatabeschwerden scheinen uns die Bestätigung dafür zu sein, daß es sich bei Magnesium fluoratum um eine Arznei handelt, die „mehr als ihre Teile“ — Fluor und Magnesium — zu bewirken vermag.
    Von den 13 ausgewählten Prüfungsprotokollen enthielten 6 meist deutlich erlebte und geäußerte Beobachtungen, die schon vor Aufdeckung des Prüfstoffes auf die Beziehung unserer Arznei zum Geschlechtsbereich hinwiesen. Die „Verliebtheit“ unserer Prüfer — von denen einer nicht in die Auswertung genommen werden konnte — veranlaßte uns auch, bei der versuchsweisen Repertorisation des Prüf Stoffes die Symptome „sexuelle Gedanken“ (SR 1,1013), „laszive Fantasien“ (SR I, 468), „sexuelle Gedanken drängen sich auf und schwirren durcheinander“ (SR 1,1004), sowie „vermindertes sexuelles Verlangen“ (SR III, 433) höchstwertig heranzuziehen. Beim vorletzten Symptom tritt übrigens Acidum fluoricum als eine von 4 zweiwertigen Arzneien (keine 3wertige Arznei!) auf. Es fällt auch auf, daß die Magnesiumfluoratum-Sexual-symptome kaum Mensesymptome sind, wie dies häufiger der Fall ist, sondern echte Geistes-, Gemüts- und Empfindungssymptome aus der Sexualsphäre. Zu „Regelschmerzen“ wollen wir eine therapeutische Erfahrung anführen, die die Angaben der Prüferin (21) bestätigt. Bei besagter Patientin beseitigte Magnesium fluoratum dysmenorrhoische Beschwerden, wobei das zuvor selbst verordnete Magnesium phosphoricum keine Wirkung gezeigt hatte.

    Bei den Bewegungsorganen ähneln die Symptome jenen des Calcium fluoratum im Großen und im Detail. Die Beziehung zu den tieferliegenden Strukturen, den Gelenken und Knochen, ist bei Magnesium fluoratum deutlicher als bei Magnesium carbonicum und Calcium fluoratum. Die destruktive Potenz dieser Arznei offenbart sich in diesen Beschwerden, die unsere Prüfer regelrecht peinigten. Bemerkenswert ist die Verschlimmerung bei Schneewetter (Prüferin 21). In diese Rubrik (SR II, 601) fügt sich Magnesium fluoratum gut ein (Acidum fluoricum, Magnesium muriaticum, Silicea als verwandte Arzneien). Beachtung sollten die charakteristischen Schmerzqualitäten finden, die wir hier wie bei den Kopfschmerzen finden konnten.
    Hahnemann und Mezger beschreiben als Charakteristikum des Magnesiums, daß Symptome nach vorübergehendem Aussetzen, auch nach längerer Latenzzeit, wiederkehren würden. Wir konnten dies zwar mehrfach beobachten, nicht nur im Bereich der Bewegungsorgane, dürfen es aber bei unserem Gabenmodus der täglichen Einnahme als nicht arzneispezifisch werten. Das Muskelfibrillieren, das Mezger an eine Beziehung von Calcium fluoratum zur Nebenschilddrüse denken ließ, findet sich hier bei Prüfer (8). Besonderes Glück hatten wir bei der Prüferin (1), die eine Besserung ihrer röntgenologisch gesicherten Coxarthrose erfuhr, gelten doch Calcium fluoratum und Magnesium fluoratum nach Dorcsi und Stübler als bewährte Arzneien für diese Indikation.

    Ein wenig im Hintergrund blieben die Erscheinungen an der Haut, wiewohl sich die aufgetretenen sehr gut decken mit jenen von Magnesium carbonicum und Calcium fluoratum. Die Spekulation sei erlaubt, daß sich die Destruktivität von Magnesium fluoratum ausdrückt, indem es eben tiefere Schichten angreift. Möglicherweise war die Prüfungsdauer für die Entwicklung von destruktiven Hautveränderungen bloß zu kurz.

    Zu den schwierigen Fragen der Auswertung gehört die Entscheidung, ob es sich bei der vorliegenden Arznei um eine „warme“ oder „kalte“ Arznei handelt. Oftmals findet man eine so deutliche Ambivalenz, daß die Entscheidung offen bleiben muß und erst durch die klinische Erfahrung getroffen werden kann. Im vorliegenden Fall können wir uns die Ambivalenz erklären, weil es sich bei Fluor um eine wärme- und hitzeempfindliche Arznei handelt, wogegen Magnesium uns als eher frostiges Mittel bekannt ist.

    Modalitäten anzugeben ist bei dieser Arznei also schwierig. Eine Betonung der Körperseite fällt etwa bei Prüfer 17 auf, der in erster Linie auf den Fluoranteil der Arznei zu reagieren schien und damit seine Symptome vorwiegend an der linken Körperseite erfuhr.
    Da die Magnesiumwirkung sich eher an der rechten Körperseite entfaltet, ist eine eindeutige Seitenbeziehung von Magnesium fluoratum nicht zu erwarten. Was den Tageslauf betrifft, also die Beziehung zur Tageszeit, setzt sich wiederholt das Fluor durch. Eine eindeutige Beziehung von Magnesium fluoratum kann jedoch nicht angegeben werden. Bei den Modalitäten waren wir also nicht annähernd so glücklich wie bei den Qualitäten (Schmerz, Empfindungen — siehe die Kapitel „Kopfschmerz“, „Bewegungsorgane“ usw.).

     

    B) Weitere Beobachtungen

    Das Geheimnis des Großzehenpunktes

    Kehren wir zurück zum Protokoll unserer Prüferin 7. Sie beschreibt eine heftige Schmerzempfindung am medialen Nagelfalz der rechten Großzehe.
    Gibt es eine geprüfte Arznei, die derartige Mißempfindungen hervorrufen kann? — Es gibt sie. Beim Durcharbeiten verschiedener in Frage kommender Arzneien stießen wir in der Pflanzenfamilie der Labiatae auf Teucrium marum verum. Dort beschreibt Leeser unter dem Titel „lokale Phänomene“ ein Symptom, das uns sehr bekannt vorkommt: „Die rechte große Zehe ist links am Nagel und oben darüber etwas entzündet und schmerzt, als wenn der Nagel ins Fleisch gewachsen wäre (welches aber nicht der Fall ist); beim Gehen eher vermindert als vermehrt; in den Vormittagsstunden, bei ruhigem Sitzen mehrere Tage wiederkehrend; nachmittags sind Röte und Schmerz verschwunden.“ Da in dem nachfolgend abgehandelten Teucrium scorodonia dessen hoher Magnesiumgehalt beschrieben ist, glaubten wir vorerst, in einer Pflanze aus der Familie der Labiatae oder in einer anderen magnesiumhaltigen Pflanze unsere Prüfarznei zu erkennen!
    Jedem Akupunkteur ist der beschriebene Schmerzpunkt als MP 1 (YIN BAI), als Anfangspunkt des Milz-Pankreas-Meridian (TA YIN) geläufig. Dabei ist es insbesondere der am rechten Fuß gelegene Punkt, der nach Voll zur Bauchspeicheldrüse (Meßpunkt!) Beziehung hat. Welch eine verblüffende Bestätigung dieser Organbeziehung unseres Prüfstoffs! Kent gibt unter der Rubrik „eingewachsene Zehennägel“ Teucrium marum verum 3-wertig an. Wir nehmen an, daß sich die Angabe Kents auf dieses Prüfungssymptom zurückführen läßt.
    Nach Bischko hat der Milz-Pankreas-Meridian vor allem Beziehung zum Bindegewebe, — ebenfalls ein Zusammenhang, der mit dem Mezgerschen Bild von Magnesium fluoratum sehr gut in Einklang zu bringen ist! Leider lassen sich diese Analogien nicht in der Bedeutung des Milz-Pankreas-Meridians, wie er aus dem Blickwinkel der traditionellen chinesischen Akupunkturlehre (G. König, I. Wäncura) gesehen wird, weiterverfolgen.

     

    Magnesium fluoratum als Heilmittel bei fokusbedingten Zuständen

    Wir haben diese Frage schon zuvor aufgeworfen und festgestellt, daß wir aus der bisherigen Erfahrung mit Magnesium fluoratum keine gesicherten Therapieerfolge bei dieser Indikation besitzen. Wurde jemals ein „Störfeld“ mit Magnesium fluoratum ausgeheilt? Ist die Beziehung zum Fokus eine generelle (auch Narben, Störfeld Darm, Wirbelsäule . . .) oder bezieht sie sich nur auf den HNO-Bereich?
    Auffallend ist, daß sich bei unserer Arzneimittelprüfung durchaus Symptome entwickelten, die von Fokusbelastungen her bekannt sind bzw. selbst von einem Herd ausgehen können: Die hartnäckige, noch nach 1 Jahr rezidivierende Sinusitis maxillaris von Prüfer 17, die erst nach Absetzen der Prüfarznei auftrat und mit einer langwierigen Bronchitis mit massiv eitriger Sekretion einherging; die Zahnschmerzen von Prüfer 8 (Ausstrahlung in die linke Kieferhöhle), ebenso bei Prüfer 17 und 18. Die Prävalenz von rheumatischen Symptomen (Stützapparat) paßt ebenfalls gut in das Bild des Fokusgeschehens. Weiters ist auffallend, daß die Prüfarznei Magnesium fluoratum länger zurückliegende entzündliche Vorgänge zu reaktivieren vermochte: Ohrenbeschwerden bei Prüferin 4 nach einer 6 Jahre zurückliegenden Otitis media, Prostatismus bei Prüfer 17 nach jahrelanger diesbezüglicher Beschwerdefreiheit!
    Aufgrund dieser Ergebnisse schlagen wir vor, diese von Mezger postulierte Eigenschaft unseres Magnesium fluoratum noch einmal zu überprüfen. Es wäre begrüßenswert, wenn unsere Arzneimittelprüfung hierfür neue Impulse gegeben hätte.
    Es ist wahrscheinlich, daß Magnesium fluoratum nur eines von vielen möglichen „Fokusmitteln“ ist, daß Fokussuche/-Sanierung vor eine homöopathische Behandlung zu treten haben. Künzli empfiehlt, den Fokus selbst homöopathisch zu behandeln, zum Beispiel ein Zahngranulom, wofür er die entsprechenden Rubriken im KENT anführt. Ähnliches lehrt Dorcsi, für den homöopathische Fokusbehandlung grundsätzlich möglich ist, zum Beispiel mit Phytolacca oder Hepar sulfuris. Eine alte Erfahrung und gar nicht so selten beobachtbar ist es auch, daß ein richtig gewähltes homöopathisches Einzelmittel — ähnlich einer Fastenkur — einen bis dahin symptomlosen Herd provozieren kann, und somit erst auf die entscheidende Arzneiwahl hinweist (oder aber zur neuraltherapeutischen oder chirurgischen Sanierung des Störfeldes führt).

     

    Ist die arzneiliche Wirkung von Magnesium fluoratum aus der Kenntnis der Wirkungen von Fluor und Magnesium erklärbar?

    Diese Frage wurde bereits mehrmals angeschnitten. Sie läßt sich einerseits aus den Ergebnissen der Arzneimittelprüfungen beantworten. Wir verweisen auf das entsprechende Kapitel, in dem die bisher durchgeführten Arzneimittelprüfungen von Magnesium carbonicum und Calcium fluoratum mit unserem Prüfungsbild von Magnesium fluoratum verglichen werden.
    Eine Reihe von Symptomen aus unserer Prüfung taucht jedoch in keiner der Prüfungen von Magnesium carbonicum oder Calcium fluoratum auf. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Erstens, könnte es sich bei dem betreffenden Symptom um kein echtes Prüfungssymptom von Magnesium fluoratum handeln, zweitens, die bisher durchgeführten Prüfungen von Calcium fluoratum und Magnesium carbonicum sind unvollständig oder, drittens, die nicht einzuordnenden Magnesium fluoratum Symptome sind eigenständig, genuin, charakteristisch.
    Wir nehmen letzteres an. Viele dieser Symptome sind zu wahrscheinlich echt und hochwertig, als daß wir sie aufgrund obiger erster Annahme einfach eliminieren dürften. Es soll hier noch einmal betont werden, daß — wie bei allen unseren Arzneimittelprüfungen — die Sichtung der Symptome sehr streng betrieben wurde, um derartige Fehler weitgehend auszuschließen. Zum zweiten Punkt ist festzustellen, daß die Prüfungsbilder von Calcium fluoratum und Magnesium carbonicum zwar sicher noch durch Neuprüfungen zu erweitern wären, daß es sich trotzdem aber bei beiden Arzneien um gut geprüfte Mittel unserer Materia medica handelt.
    Es handelt sich also wahrscheinlich um echte und besondere Magnesium-fluoratum-Symptome. Wir können — um einen Vergleich zu gebrauchen — davon ausgehen, daß die „neue“ Arznei sowohl „väterliche“ als auch „mütterliche“ Eigenschaften in sich trägt, daß aber zu diesen Qualitäten noch andere dazu kommen, die nicht aus der „Erbfolge“ erklärbar sind. Wir können davon ausgehen, daß die Verbindung zwischen Magnesium und Fluor eine völlig neue Gangzeit mit neuen, wesenseigenen Merkmalen darstellt, die nur teilweise auf ihre beiden Komponenten Magnesium und Fluor rückführbar sind. Um noch einmal auf den „familiären“ Vergleich zurückzukommen: Trotz reichlicher Spekulationen von wohlmeinenden Verwandten sind auch nicht alle kindlichen Eigenschaften entweder auf den Vater oder auf die Mutter rückführbar!
    Wieder wollen wir auf das Beispiel Hepar sulfuris zurückgreifen: Diese Arznei besitzt viele auffallende und charakteristische Symptome, die als völlig eigenständig, also weder vom Calcium carbonicum noch vom Sulfur ableitbar, gelten müssen, so zum Beispiel die Symptome „Verlangen Feuer zu legen“, die extreme Neigung zum Jähzorn oder der Splitterschmerz. Dieser Sachverhalt wird bei den zusammengesetzten, aus mehreren chemisch definierten Bestandteilen aufgebauten Arzneien (z. B. Causticum, Sepia, Schlangengifte, Nosoden. . .) noch schwieriger. Hier treten Arznei-Eigenleben und -Charakter unmittelbar in den Vordergrund. Einzelne Inhaltsstoffe machen sich aber dennoch im Arzneimittelbild bemerkbar, auch wenn sie nur in geringer Menge vorkommen (z. B. Magnesium im Teucrium scorodonia), vor allem aber, wenn sie pharmakologisch-chemisch den hauptwirksamen Bestandteil darstellen (z. B. Strychnin im Nux vomica).
    Wir sollen aus dieser Nicht-Zusammensetzbarkeit (aber auch der kompliziert aufgebauten zusammengesetzten Arzneien) eine wichtige Konsequenz ziehen: Viele dieser Arzneien unserer Materia medica (z. B. Kalium phosphori-cum, Natrium phosphoricum, Calcium jodatum, . . .) bedürfen dringend mindestens einer guten Arzneimittelprüfung, um ihre entscheidenden Charakteristika aufzudecken!
    Der eben aufgezeigte Sachverhalt hat auch eine therapeutische Konsequenz: Wenn weder die eine Arznei (z. B. Ferrum) noch die andere (Phosphor) genau paßt, — ist es dann wirklich das Naheliegendste, die „zusammengesetzte“ Arznei — Ferrum phosphoricum — übrigens nur an einer einzigen Person geprüft! — zu verordnen?
    Beim Menschen ist es ebenso wie bei diesen Arzneien. Das Konzept der traditionellen abendländischen Medizin geht von seinen Zellen, seinen Geweben, seinen Organen aus, und findet gerade hierin den Punkt ihres Scheiterns. Unser Menschenbild in der Homöopathie geht den umgekehrten Weg: Der erkrankte Mensch wird behandelt, seine Organe, Gewebe und Zellen stellen nur den einen oder anderen Aspekt seiner Ganzheit dar und sind auch vom therapeutischen Ansatz her sekundär. Das Ganze — es ist größer und wichtiger als die Summe seiner Teile!

     

    Diathetische Einordnung von Magnesium fluoratum

    Es wurde bereits in der Einleitung erwähnt, daß sich die Diathese des von uns geprüften Mittels deutlich durch seine Prüfungssymptome abzeichnete: Als dumpf-bohrend-stechend-ziehend, „vernichtend“, meist tief empfundene, plötzlich auftretende Schmerzen, Knochenschmerz, Tibiaschmerz (Prüfer 2, 4, 9,17,19,21); Affektion der Nebenhöhlen bei Prüfer 17; Beeinflussung einer bekannten Coxarthrose bei Prüferin 1.
    Es ist auffallend, daß die meisten Prüfungssymptome, die sich aus unserer Arzneimittelprüfung ergaben, aus dem Bereich des Bewegungsapparates stammten. Von den 13 in die Auswertung einbezogenen Prüfern reagierten nur 3 nicht mit Beschwerden ihres Stützsystems, und diejenigen, die hier Beschwerden entwickelten, empfanden diese zumeist heftig und räumten ihrer Aufzeichnung viel Platz in den Protokollheften ein. Wenn wir das Stützsystem als wesentlichen Manifestationsort von Störungen aus dem Bereich der destruktiven Diathese ansehen, so muß diese Symptomanhäufung als Ausdruck dieses Diathesebezugs gewertet werden. Diese Symptome waren es vor allem auch, die uns an das Fluor denken ließen, bevor uns die Prüfarznei bekannt war!
    Es ist also die „Syphilis“ Hahnemanns, die wir unserer Prüfsubstanz Magnesium fluoratum am ehesten zuordnen können, wobei diese Tendenz wahrscheinlich in erster Linie durch die Fluorkomponente bestimmt wird. Symptome, die sich der Sykose oder der Psora zuordnen lassen, sind in unserem vorläufigen Prüfungsbild von Magnesium fluoratum ebenfalls zu finden, treten unserer Meinung nach aber eher in den Hintergrund.

    Die Affinität unserer Prüfpersonen zur Prüfsubstanz

    Welche Prüfpersonen reagierten besonders gut auf Magnesium fluoratum?
    Läßt sich aus einer Affinität Prüfer — Prüfsubstanz eine Aussage über den „Typus“, den „Magnesium-fluoratum-Menschen“ treffen?
    Diese Frage ist eine heikle und stellt hohe, wenn nicht zu hohe Anforderungen an eine Arzneimittelprüfung. Greifen wir nicht nach den Sternen, sondern betrachten wir eine AMP als das, was sie seit Hahnemann ist oder sein soll, nämlich die Grundvoraussetzung für die gezielte Anwendung eines Arzneistoffes am kranken Menschen. Die AMP soll uns homöopathischen Ärzten die Möglichkeit gegeben, dem Kranken etwas zu verabreichen, dessen Wirkung wir möglichst genau kennen. Dieselbe Aufgabe auf einer andern Ebene erfüllt die Statistik in der Schulmedizin. Von Anfang an war es so, daß die Arzneimittelprüfung ein Gerüst war, dem nach und nach Erfahrungen aus dem klinischen Gebrauch folgten, und so einer Arznei Gestalt verliehen wurde. Erst dieses Arzneimittelbild, für das wir schon den Ausdruck „Kleinkunstwerk“ gebraucht haben, läßt uns tiefer eindringen in die Arznei, und die Person des Kranken verstehen.
    Wenn wir, wie im vorliegenden Fall, so klar die Diathese der Prüfarznei erkennen, bedeutet das schon eine große Hilfe für die zukünftige Anwendung. Die Autoren dieser Arbeit wären sehr dankbar über Berichte aus erfolgreichen Verordnungen. Dann könnte Magnesium fluoratum mit ruhigem Gewissen in die Repertorien und Arzneimittellehren eingegliedert werden, und man könnte dem Anspruch auf Darstellung des „Magnesium-fluoratum-Menschen“ besser gerecht werden.

     

    V. Ausblicke

    Es wird immer wieder geargwöhnt, man könne heutzutage unter der massiven Belastung der Menschen — auch mancher Arznei! — keine Arzneimittelprüfungen mehr durchführen. Wohl scheint es Hahnemann und seinen Zeitgenossen leichter gefallen zu sein, Symptome durch ihre Opfer zu erfahren. Doch möglich sind gute Arzneimittelprüfungen auch heutzutage, wie gerade in jüngerer Zeit in Österreich und Deutschland wiederholt bewiesen wurde. Viele Konzepte für eine AMP sind möglich. Das zu wählende hängt von der jeweiligen Erwartung und Absicht des Prüfungsleiters ab. Will man neue Arzneien erschließen, wird man anders vorgehen als bei dem Versuch, die Spezifität einer Hochpotenz nachzuweisen. Unserer Meinung nach ist so etwas in einer randomisierten Studie in einem Mehrstufenschema möglich.
    Der Vollständigkeit halber soll erwähnt sein, daß wir unseren Prüfern keinerlei Diätvorschriften auferlegten. Sie sollten auch sonst von ihren Gewohnheiten nicht abweichen.
    Kritik mag der hier gewählte Einnahmemodus hervorrufen. Wir können solcher Kritik nicht theoretisch begegnen. Die Ergebnisse sind unsere einzige Legitimation.
    Unser Dank geht an die Firma AUSTROPLANT Dr. Peithner KG in Wien, die die Arznei zubereitet und uns zur Verfügung gestellt hat. Ferner danken wir besonders unserem Lehrer Prim. Prof. Dr. M. Dorcsi, unter dessen Anleitung diese Arbeit möglich wurde und Dr. Günter Mattitsch, dem Präsidenten der österreichischen Gesellschaft für Homöopathische Medizin, der die Arznei gewählt hat. Nicht zuletzt sind wir unseren Prüfern zu außerordentlichem Dank verpflichtet. Sie stellten ihre Zeit zur Verfügung und ihr Wohlbefinden aufs Spiel und bewiesen so ihre Liebe zur Homöopathie und zu jenen Menschen, denen diese Heilkunst helfen soll.

     

    Zusammenfassung

    In einem Doppelblindverfahren wurde Mag. fluor. D 30 geprüft. 13 Protokolle wurden ausgewertet. Der Darstellung des Prüfungsbildes wird die bisherige Verwendung vorangestellt. Die Ergebnisse werden dokumentiert und mit älteren Prüfungen verwandter Arzneien verglichen. Es wird versucht, den Charakter der Arznei herauszuarbeiten.

     

    Literatur

    • Barthel, H. und Klunker, W.: Synthetisches Repertorium, Bd I—III. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1987.
    • Bischko, /.: Einführung in die Akupunktur. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1986.
    • Dorcsi, M.: Arzneimittellehre. Bd. 5 der Lernbuchreihe „Homöopathie“. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1985.
    • Drinneberg, W: Das homöopathische Arzneimittel Magnesium. Allgemeine homöopathische Zeitung 1965/9, S. 406. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg.
      —: Zusammenfassung und Nachtrag zum Aufsatz Magnesium. Allg. homöop. Ztg. 10 (1965) 464.
    • Hahnemann, S.: Die chronischen Krankheiten. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1983.
    • Julian, O. A.: Matiere Medicale d'Homeotherapie. Freyronnet, Paris 1971.
      —: Dictionaire de Matiere Medicale de 130 Noveaux Homeotherapeutiques. Masson, Paris 1981.
    • Kent,J. X: Kents Repertorium der homöopathischen Arzneimittel, Bd. I—III. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1986.
    • Klunker, W. und Barthel, H.: Synthetisches Repertorium. Bd. I—III. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1987.
    • König, G. und Wancura, L: Neue chinesische Akupunktur. Wilhelm Maudrich Verlag, Wien-München—Bern 1981.
      —: Praxis und Theorie der Neuen Chinesischen Akupunktur, Bd. 1. Wilhelm Maudrich Verlag, Wien—München—Bern 1979.
    • König, P. und Swoboda, F.: Arzneimittelprüfung mit Acidum succinicum D 30. Documenta Homoeopathica, Bd. 6. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1985.
    • Kramer, F.: Lehrbuch der Elektroakupunktur, Bd. 2. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1985. Leeser, O.: Lehrbuch der Homöopathie. Band 2: Mineralische Arzneistoffe. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1987.
    • Mezger, ].: Gesichtete Homöopathische Arzneimittellehre, Bd. 2. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1985. —: Eine Arzneiprüfung mit Magnesium carbonicum und Magnesium sulfuricum. Deutsche Zeitschrift für Homöopathie 66 (1944) 136-77.
      —: Das Arzneibild des Flußspats nach einer AMP. Deutsche Homöopathische Monatsschrift 75/1954 313-32.
      —: Die Magnesiumanalyse in der Homöopathie — eine vergleichende Darstellung. DeutscheHomöopathische Monatsschrift 9 8/1957 401—13.
    • Pischinger, A.: Das System der Grundregulation, 5. Auflage. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1985.
    • Schmeer, E. H.: Zur Signatur des Magnesium. Zschr. klass. Homöop. 20 (1976) 73. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg.
    • Stühlen M.: Kataraktkur nach Waterloo. Allg. homöop. Ztg 214 (1969) 354.
    • Swoboda, F.: Arzneimittelprüfung mit Abrotanum D 30. Documenta Homoeopathica, Bd. 6. Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1985.
    • Zimmermann, A.M.: Homöotherapie der Augenkrankheiten. Verlagsbuchhandlung J. Sonntag, Regensburg 1981.

     

     

    (Anschrift der Verfasser: Dr. med. Franz Swoboda, Premreinergasse 35, A-1130 Wien und Dr. med. Peter König, Friedenszeile 50, A-1130 Wien)