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    Ranunculus bulbosus

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    REMEDY ABBREV.

    Ran-b.

    MASTER PROVER

    Dr. S.Diez, OEGHM, Austria

    YEAR

    ???

    PROVING METHOD

    single blind trial

    PLACEBO?

    no placebo given

    BLINDING?

    remedy unknown to the 6 provers

    PHARMACY OF REMEDY IN PROVING

    Mag. Heidemarie Brunner, Stadtapotheke Renz, Austria

    Description of the substance

    A homeopathic drug proving- now termed a homeopathic pathogenetic trial- of Ranunculus bulbosus, the buttercup

    Eine homöopathische Arzneimittelprüfung von Ranunculus bulbosus, dem knolligen Hahnenfuss

     

    Proving document currently available only in German

    Published in the Austrian journal Documenta Homoeopathica No.19

     

     

     

    Ranunculus bulbosus

      

    Arzneimittelselbsterfahrung (AMSE)

    6 weibliche Prüfer (1, 2, 3, 4, 5, 6)
    Die Prüfung wurde einfachblind durchgeführt und fand als AMSE im Rahmen der homöopathischen Ausbildung als Arbeitskreisarbeit unter Supervision statt.
    Einnahmemodus: einmal täglich eine Gabe C30 über eine Woche oder bis zum Auftreten von Symptomen.
    Einnahmedauer: (1), (4): 8 Tage, (5), (6): 7 Tage, (3): 6 Tage, (2): 5 Tage.
    Prüfungsleitung: Dr. S. Diez
    Arzneihersteller: Mag. Heidemarie Brunner (Stadtapotheke Retz)
    E: Einnahmetag; NB: Nachbeobachtungstag
    Die Zahl nach NB bezeichnet den Nachbeobachtungstag, die Zahl nach den Zitaten aus dem Prüfprotokoll die Probandennummer.

     

    Kopf

    1

    Rechtsseitig frontal drückende Schmerzen vormittags (1, 5)
    Drückende Kopfschmerzen vom Nacken über den rechten Scheitel nach frontal ausstrahlend, brennender Schmerz und Parästhesien über der ganzen rechten Gesichtshälfte, pulsierender Schmerz in der rechten Schläfe und über dem rechten Auge, dabei Trockenheit im Rachen mit Kratzen und Schluckschmerz, schlechter durch allgemeine Bewegung und helles Licht, besser durch warme Getränke. Unkonzentriert, lustlos und müde. (2)
    Vormittags rechts frontaler Kopfschmerz drückend zieht zum rechten Auge und zum rechten Jochbein. Rechte Nase verstopft, rechte Wange bamstig. Dabei trockener Hals, schneidende Halsschmerzen, besser durch warmes Trinken. (4)

     

    Augen

    Brennen beider Augen, Gefühl als wären die Augen rot und entzündet (beide Augen mit leichter Konjunktivitis) – vom 2. bis 7. Einnahmetag. Rechtes Auge juckt stark, besser durch Reiben. Tränenfluß beidseits (NB). Rechtes Auge verklebt mit etwas gelblichem Sekret (1)

    5

    Schwere Lider „als würde es die Augen zusammenziehen“ (2, 3) darauffolgend Schnupfen (3)

     

    Nase

    Wäßrige Absonderung beim Gehen im Freien (1)
    Wäßriges flüssiges Nasensekret beidseits ca. 14 Uhr bis 15 Uhr. Niesreiz mit Niesen. Aufwachen nachts um 3 Uhr „weil es wie Wasser aus der Nase rinnt“ (3)
    Erst zähes durchsichtiges Sekret, ab dem 4. Tag blutiges Nasensekret beim Schneuzen. Nasenbluten (hell, wenig) nach dem Ablösen von Krusten und nach heftigem Niesen. In der NB – Zeit, 4 Wochen nach Einnahme immer noch Belege und Krusten in der Nase und Bluten nach Ablösen der Krusten. Nachts oftmaliges Aufwachen wegen verstopfter Nase, sie muß immer wieder schneuzen, um die Belege loszuwerden. (4)
    Zweimal Nasenbluten mittags nach dem Schneuzen (2)

     

    Mund

    10

    Nachmittags Gefühl wie beim Durchbruch der Weisheitszähne. Wundheitsgefühl am Gaumen und am Zahnfleisch des Unterkiefers. Leichte Rötung der Schleimhaut, schmerzhaft bei Berührung, beim Essen und Trinken. (5)

     

    Innerer Hals

    Geschwollenes Gefühl im Hals, brennender schneidender Schmerz ausstrahlend in beide Ohren, Verschlechterung beim Schlucken, muß nochmals schlucken oder etwas nachtrinken, um schlucken zu können, Heiserkeit, die eigene Stimme kommt ihr fremd vor – „ich bin nicht ich“. Husten tut im Hals weh. Trockenheit im Hals während der gesamten Einnahmezeit von 8 Tagen (4)
    Abends trockenes Gefühl im Hals, Schluckschmerz (2)
    Abends kurzzeitig stechende Halsschmerzen (6)
    Stechende Halsschmerzen links vormittags beim Schlucken (1)

     

    Äußerer Hals

    15

    Beide Halsseiten geschwollen aber keine Lymphknoten tastbar, Schmerzen beim Drehen des Kopfes entlang der musculi sternocleidomastoidei beidseits, besser durch Wärme. (4)
    Schwellung der Halslymphknoten links. (1)
    Erst indolente (E 5) dann druckschmerzhafte (NB 1 u.2) Schwellung der Halslymphknoten links mehr als rechts. Schmerzen beim Drehen des Kopfes. (2)
    Druckdolenter Lymphknoten rechts submandibulär (E 6 und 7) (5)

     

    Brust

    Immer wieder kurzdauerndes Stechen in beiden Mammae, Druckschmerz in linker Mamma im unteren medialen Quadranten, (E 5 bis 7) (1)

    20

    Kurzatmigkeit und ungewohntes Herzklopfen schon bei ganz geringer Anstrengung (wenige Stiegen steigen) ab dem 1. Einnahmetag bis in die Nachbeobachtungszeit. (4)

     

    Rücken

    Abends Schmerzen entlang der Wirbelsäule, im Trapezmuskel und im Nacken Gefühl eines Muskelkaters ohne entsprechendem Anlaß dazu, (E 4 bis NB 2) (2)
    Morgens erwacht sie mit einem steifen Gefühl in der HWS, krampfartige Schmerzen beim Kopfdrehen nach rechts, (NB1) (5)

     

    Extremitäten

    Gefühl, daß das Blut in die Beine versackt, schwere Beine, besser durch Hochlagern. Die Varizen, die seit der Schwangerschaft bestehen, treten stärker als sonst hervor (E 1) (4)
    Gliederschmerzen, Schwäche und Krankheitsgefühl (E 5) (2)

     

    Haut

    25

    Nach nur ganz leichtem Druck (Sitzen) bleibt ein blutiger Abdruck (petechiale Blutungen) des Stoffmusters (Waffelmuster des Bademantels) auf der Haut der Oberschenkel, das hält einen ganzen Tag lang an! Die ehemaligen Schwangerschaftsstreifen färben sich plötzlich wieder blaurot. (E 1) (4)
    Am rechten Unterarm und einen Tag später auch auf der 3. Zehe links erscheinen mehrere Papeln wie kleine Gelsenstiche die stark jucken, schlechter durch Kratzen und warmes Wasser (NB 7 bis 9) (1)
    Juckendes Exanthem an der Innenseite beider Oberschenkel, schlechter durch Kratzen und durch warmes Wasser (NB 15 bis 25) (6)

     

    Genitale, Menses

    Bei Einnahmebeginn war Menses schon am Abklingen, nach Arzneieinnahme wieder hellrote Blutung (E 1 u. 2) am 6. Einnahmetag nochmals blutiger Ausfluß, nachdem die Menses schon aufgehört hatte, stärker bei Anstrengung. (4)
    Ungewöhnlicher blutigbräunlicher Ausfluß ab dem 21. Zyklustag (NB 1 bis 6), dann erscheint die Regel stärker als sonst und mit Bauchkrämpfen. (3)

    30

    Schmierblutung einen Tag vor Menses (NB 4), die dann 10 Tage zu spät kommt mit einer starken klumpigen schmerzhaften Blutung nachts, Wärme und Bauchmassage bessern die Bauchschmerzen (6)
    Dunkelrote sehr starke Menses erscheint 3 Tage zu früh (NB 5) (1)

     

    Temperatur, Schweiß

    Tagsüber trockene Hitze, abends Frieren (E 5) (2)
    Abends Fieber, trockene Hitze am ganzen Körper mit Verlangen nach Zudecken (E 1) am nächsten Abend (E 2) nochmals Fieberfrost mit Rücken- und Gliederschmerzen. Am dritten Tag (E 3) klebriger Schweiß am ganzen Körper außer am Kopf schon ganz bei geringer Anstrengung. (4)
    Schwitzen an der Rückseite der Oberschenkel unter dem Gesäß (4)

     

    Allgemeinbefinden, Stimmung

    35

    Verärgert über Kleinigkeiten, Diskussionen arten schnell in einen Streit aus. Morgens müde, unausgeschlafen, will nicht aufstehen trotz Schönwetter. Ab der Nachbeobachtungszeit sehr gut aufgelegt, sehr aktiv, fast überdreht. (1)
    Sehr müde, tagsüber schläfrig, könnte auf der Stelle einschlafen. Dann „wie weit abwesend, lustlos, unkonzentriert“. Kommt morgens nicht aus dem Bett trotz Schönwetter. (2)
    Reizbar, müde, Gefühl als ob alles sehr weit weg wäre. Alles geht langsam von der Hand, unzufrieden, fahrig, chaotisch. Alles wird abends schlechter. (3)
    Allem gegenüber gleichgültig. Negiert alles, nimmt nichts ernst, emotional unbeteiligt, auch als sich ein Familienmitglied das Schlüsselbein bricht, berührt sie das nicht. Trotz Müdigkeit und Krankheitsgefühl auffallend verstärkte Libido.
    Insgesamt hat sie aber das Gefühl, besser ihre Meinung sagen zu können und sich besser durchsetzen zu können. Sonst beschreibt sie sich als einen Menschen, der sich mehr für die anderen als für sich selbst einsetzt. Derzeit befand sie sich in einem Loslösungsprozeß aus einer symbiotischen Beziehung. „Ich war bis jetzt nie selbständig“.

    40

    Ihren Vater beschreibt sie als „der große Boß, der immer nur das Geld heimbrachte“, ihre Mutter war mit den Kindern zu Hause und „mußte immer um alles kämpfen“. Religion spielte eine große Rolle in ihrem Leben, Kinder und Familie sind ihr sehr wichtig. Es ist ihr wichtig, daß nach außen hin alles schön aussieht, auch wenn es nicht so schön ist.
    Während der AMP und in den 2 Wochen danach 11kg Gewichtsabnahme (jenes Gewicht, das sie seit der letzten Schwangerschaft zugenommen hatte, starke Gewichtszunahme bisher bei allen Schwangerschaften) ohne ihr Zutun, hatte einfach keinen Appetit und aß weniger.
    Aufgrund der nach der AMP bestehenbleibenden Schnupfensymptomatik (Krusten in der Nase, die sie abschneuzen muß, danach Nasenbluten), Verordnung von Kalium bichromicum 1 Monat nach der AMP, was das gesamte Befinden verbesserte und den Schnupfen beseitigte. (4)
    Zerstreut, macht Fehler beim Sprechen (verdreht und verschluckt Silben), nimmt vieles nicht so wichtig, wie es angemessen wäre. Ablenkbarer als sonst, wenig ausdauernd, Arbeit geht langsam voran. Auffallend schnell ermüdbar, lange Anlaufzeit morgens. (5)
    Morgens ungewöhnlich aktiv mit viel Energie. In den nächsten Tagen aufgekratzt, auch nervös unruhig und angriffslustig. Ärger über Kleinigkeiten. (6)

     

    Eine Krankengeschichte

    Frau Hilde K., geb. 1929, gehört zu jenen Patientinnen, die mich seit nun 15 Jahren treu und mehr oder weniger häufig aufsuchen. Anfänglich, als ich auch noch meine Allgemeinpraxis führte und für alle großen und kleinen Beschwerden meiner Patienten jederzeit verfügbar war, saß sie oft wöchentlich in meinem Wartezimmer, hatte aber trotz ihrer wortreichen Klagen über verschiedene Schmerzen, Sorgen und Unpäßlichkeiten auch ein nettes Wort, ein freundliches Lächeln und aufrichtige Dankbarkeit für mich übrig, so daß ich ihr nie wirklich böse sein konnte. Irgendwie konnte ich ihr offenbar auch immer wieder helfen, obwohl ich selbst die Erfolge in ihrer Behandlung oft nicht nachvollziehen konnte. Schon ein Gespräch mit mir, in dem ich keineswegs immer übermäßig freundlich war, bewirkte Erleichterung und Beruhigung. Die Klagen waren meistens: Gelenksschmerzen an verschiedenen Lokalisationen, Rückenschmerzen, Bauchschmerzen und wechselnde Stuhlprobleme, meistens Verstopfung und Blähungen, auch Durchfälle, Kopfschmerzen, rezidivierende Harnwegsinfekte, Verkühlungen, Hitzewallungen, Schlafstörungen, „Depressionen“, Ängste, – und immer wieder ihre Sorgen um ihren Mann, ihre Eheprobleme, die Empörung über ihre Kinder, mit deren Lebensweise sie nicht einverstanden war.

    Mit ihren vielen Krankheiten beschäftigt sie ebenso treu und regelmäßig ihren Gynäkologen, Urologen, Orthopäden, ihre Neurologin … und seitdem sie mich „nur mehr“ als Homöopathin aufsucht, natürlich auch ihren jetzigen Hausarzt. Sie schätzt und liebt alle ihre Ärzte, tut, was sie sagen, auch wenn sie gelegentlich über sie schimpft, ihre Therapievorschläge in Frage stellt, und klagt: „Mir kann keiner helfen“.

    Eigentlich ist Hilde K. eine recht gesunde und für ihr Alter rüstige, lebenslustige und aktive Frau, sie geht mit ihren Freundinnen ins Kaffeehaus, sorgt regelmäßig für die Enkelkinder, organisiert Familienfeste, kocht, bäckt, pflegt ihren Garten und ihr Gartenhaus, reist gerne, möchte alles noch recht lange tun können. 12 Jahre lang hatte sie ein kleines Lebensmittelgeschäft geführt, dann war sie als Verkäuferin in einem Supermarkt tätig, bis zur Pension, sie wollte genug Zeit zu Hause für ihre Familie haben und den Haushalt ordentlich führen. „Ich bin ein Familienmensch, meine Familie bedeutet mir alles.“

    Es gab bisher keine schweren Krankheiten, mit 29 Jahren war nach der zweiten Geburt eine Senkungsplastik nötig, seither immer wieder die Probleme mit der Blase, mehrere kleine Unfälle mit unkomplizierten Knochenbrüchen (Sturz beim Schifahren, Stolpern beim Einkaufen vor lauter Hektik!). Kleine Struma seit Jahren ohne Beschwerden, mit normaler hormoneller Funktion.

    Die homöopathische Behandlung von Frau K. gestaltete sich über die vielen Jahre mühsam. Nicht der Mangel an guten Symptomen war hier das Problem, sondern die Schwierigkeit, einen roten Faden, einen zentralen Schlüssel für das Verständnis ihrer vielen Beschwerden und zugrundeliegenden Sorgen und Ängste zu finden. Sie gehört auch zu jenen Patienten, die zwar gerne ausführlich über ihre (wechselnden) körperlichen Beschwerden reden, aber wenn es darum geht, mehr über ihre Person zu erfahren, weicht sie aus und erzählt in wenigen Worten von einem „normalen“ Leben. Über ihre Sorgen bezüglich der Familie redeten wir oft, aber sie erzählte von den anderen, von ihrem Mann, der so schweigsam wäre und ihren Söhnen, die nicht die richtigen Frauen gefunden hätten und deshalb leiden müßten. Über ihre eigenen Gefühle zu reden, war kaum möglich und endete schnell in dem Satz: „Natürlich mache ich mir Sorgen, wenn es den anderen so schlecht geht“. Im Laufe der Jahre lernte ich doch einiges aus ihrem Leben kennen:

    Als sie 10 Jahre alt war, starb ihr Vater plötzlich. Offensichtlich hatte sie eine sehr starke Beziehung zum Vater (mehr konnte ich darüber nicht erfahren) und der Verlust traf sie schwer. Die Mutter mußte aus wirtschaftlichen Gründen arbeiten gehen und hatte wenig Zeit für das Mädchen. Hildes vorrangiges Gefühl war das der Einsamkeit und des Alleingelassenseins. Sie machte die Lehre als Verkäuferin, war immer fleißig, fügsam und bei allen Menschen beliebt. Bald schon lernte sie ihren Mann kennen. Er war sofort ihre große Liebe. Er trug sie auf Händen, beschützte sie und gab ihr all jene Geborgenheit, die ihr als Kind so sehr gefehlt hatte. Sie heirateten, richteten sich in bescheidenem Wohlstand ihre Wohnung und bald auch ihren Garten am Stadtrand ein, bekamen zwei wohlgeratene Söhne, hatten viele Freunde, und lebten zufrieden und glücklich in ihrem Familienidyll.

     

    1980 hatte ihr Mann einen schweren Autounfall, bei dem er eine Kopfverletzung erlitt, die eine mehrtägige Bewußtlosigkeit nach sich zog. Das veränderte sein Leben grundsätzlich, er mußte in Pension gehen, obwohl er gerne noch einige Jahre in seinem Beamtenberuf geblieben wäre, wurde stiller, in sich gekehrter. Seine liebste Beschäftigung sind bis heute stundenlange Waldspaziergänge, am liebsten alleine. Gesellschaft meidet er, außer wenn er sich mit früheren Bürokollegen trifft, da kann er heiter und fröhlich wie in früheren Zeiten die ganze Gesellschaft unterhalten. Das veränderte auch das Leben seiner Frau. Seine Introvertiertheit bleibt für sie bis heute völlig unverständlich. „Seit dem Unfall ist er ein anderer Mensch“, das ist ihr Hauptproblem geworden. Sie kann seine Veränderung nicht verstehen, meint, es müsse ihm schrecklich schlecht gehen, würde ihn am liebsten ständig zum Arzt schicken, weil sie meint, eine schwere Krankheit müsse sich hinter seiner Schweigsamkeit verbergen. Ängstlich beobachtet sie jede seiner Regungen und Äußerungen, ständig auf der Suche nach dem Grund seines Rückzugs. Sie hat die unverrückbare Überzeugung gewonnen, daß er schwer krank ist, daß er sterben und sie ihn verlieren könnte, wenn er sich nicht behandeln läßt. Die andere Variante ihrer Sorgen ist, daß er sie nicht mehr liebt, grausam zu ihr ist in seiner Zurückgezogenheit, kein Verständnis mehr für ihre Bedürfnisse nach Zuwendung und Zärtlichkeit hat. Das kränkt sie fürchterlich und ängstigt sie Tag und Nacht, so daß sie nicht schlafen kann. Sie hat schreckliche Angst vor dem Alleinsein, fürchtet seinen Tod „weil dann kümmert sich niemand mehr um mich“, beobachtet ängstlich seine Gesundheit und lebt quasi vom Wohlbefinden ihres Gatten. Um sich abzulenken, kümmert sie sich um das Wohlergehen ihrer Enkelkinder, hat tagelang Omadienst, kocht, füttert, sorgt, und ist ihrer Meinung nach sicher die „bessere Mutter“ für die Kinder ihrer Söhne als ihre Schwiegertöchter, über die sie nicht viel Gutes zu erzählen weiß. Es wundert mich nicht, daß mittlerweile beide Söhne wieder geschieden sind, dabei auch viel Unterstützung, Trost, Hilfe und Verständnis bei ihrer Mutter (nicht so sehr bei ihrem Vater!) fanden. Frau K. kocht oft auch für ihre Söhne, wäscht ihre Wäsche … kommentiert ihr Leben in jeder Lebenslage, – und hat so oft fast keine Zeit mehr für „eigene Interessen“.

     

    Ich kenne ihren Mann aus der Zeit meiner Hausarzttätigkeit, er ist ein stiller sanfter lieber Mensch ohne wesentliche Beschwerden, manchmal Kopf- oder Rückenschmerzen, bei denen er mich tatsächlich immer nur auf das Drängen seiner Gattin aufsuchte, die aber auch nie in irgendeiner Weise wirklich bedrohlich waren. Er ist kein Mensch vieler Worte aber immer herzlich, arbeitet gerne, am liebsten in seinem Garten, er liebt die Natur über alles. Über seine Frau hat er nie ein böses Wort erzählt, er liebt sie wie ehedem, achtet und schätzt sie, auch wenn er sie oft nicht verstehen kann in ihrer Angst und Sorge. Gelegentlich kann er zornig werden, dann redet er eine Zeitlang nichts. Arnica hat ihm mehrmals gut geholfen.

     

    Frau K. wurde von mir im Laufe der Zeit natürlich mit einer nicht unerheblichen Anzahl von Arzneien behandelt. Sepia war zu Beginn lange Zeit hilfreich, als mehr noch ihre Betriebsamkeit und ihr übertriebenes Verantwortungs – und Pflichtgefühl für die Familie bei gleichzeitigem Klagen über ihre Erschöpfung durch das tägliche Sorgen im Vordergrund stand (erst später imponierten mehr die Ängste vor dem Verlassenwerden). Mit Sepia wurden ihre Senkungsbeschwerden mit dem Gefühl des Abwärtsdrängens im Bauch, Streßinkontinenz und rezidivierenden Harnwegsinfekte besser. Anschließend gab es eine Zeit heftiger klimakterischer Beschwerden mit „schrecklichen“ Hitzewallungen mit heißen Schweißen, Schweißausbrüchen nachts, Hitzeunverträglichkeit, Engegefühl im Hals, großer Berührungsempfindlichkeit bei Schmerzen (besonders der Fingergelenke). Lachesis half über das Schlimmste hinweg, Schlaf, Stimmung, und die auffallende Hektik besserten sich. Dann traten Schlafstörungen mit großer Unruhe und Grübeln in den Vordergrund, sie suchte ständig nach ihrer Schuld für die Veränderung ihres Gatten. Coffea tat gute Dienste – aber es änderte nichts an der Gesamtsituation. Schließlich steigerte sich das seelische Zustandsbild wieder in ein Drama heftiger Gefühlswallungen, wechselnde Stimmungen, die sie in immer größere Verzweiflung trieben, dazwischen voll zärtlicher Liebe und Hingabe für ihren Mann, Bauchschmerzen „als wäre etwas Lebendiges darin“, heftiges Verlangen nach Sexualität, Zärtlichkeit und Zuwendung, ein Wechselspiel von Verzweiflung Traurigkeit und Zorn. Crocus sativus schien vorerst Wunder zu wirken. Aber nach einigen Wiederholungen erschöpfte sich auch die Wirkung dieser Arznei. Ignatia folgte, worauf sie im Gespräch mehr ihre eigenen Gefühle reflektieren konnte und viel weinte. Zu Causticum führten mich dann ein langwieriger schmerzhafter Husten, Heiserkeit, ihre Blaseninkontinenz, Verkürzungsgefühl an den Oberschenkeln, ihr langwieriger Kummer, extremes Mitgefühl, Weinen, Gerechtigkeitsempfinden, Sorgen um die Familie. Es brachte nichts. Als wirklich hilfreich erwies sich Stramonium, als sich ihre nächtlichen Ängste ins Unerträgliche steigerten. Ihr Bedürfnis, sich „an ihren Mann anzuklammern“ in ihrer extremen Angst vor dem Alleinsein, besonders nachts im Dunklen. Jetzt erinnerte sie auch ihre Kinderängste im Dunkeln, wie oft sie voll Angst alleine in ihrem Bett gelegen und sich vor Geistern und Gespenstern gefürchtet hatte. Eine Episode aus ihrer Kindheit tauchte auf, als sie als 4-jähriges Kind einmal krank war und von den Eltern alleine zu Hause gelassen wurde, dann sah sie „einen kleinen Pagen mit einem blauen Gewand mit Goldknöpfen“ und fürchtete sich entsetzlich. Sie war ein liebevolles anhängliches Kind gewesen, das zu fürchterlichen Wutanfällen fähig war, wenn sie sich alleine gelassen fühlte – so wie jetzt wieder.

     

    Stramonium half ihr einige Zeit über ihre Ängste und über ihre vielen somatisierten Beschwerden hinweg, schon glaubte ich, es sei „ihre Arznei“, als alles wieder beim Alten war, vielleicht nicht gar so heftig, aber schlimm genug. Immer hatten sich bisher lediglich einige Beschwerden mehr oder weniger nachhaltig gebessert, nie hatte sich Grundsätzliches an ihrer Lebenseinstellung geändert, besonders was ihre Beziehung zu ihrem Mann und zu ihrer Familie betraf. Es wurde immer klarer, daß sie an einer schmerzlichen Abhängigkeit litt, in einer kindlichen Bedürftigkeit nach Liebe, Zuwendung und Zärtlichkeit. Ihr Grundgefühl einer abgrundtiefen Verlassenheit ließ sie die Verschiedenheit und Individualität der von ihr geliebten Menschen als tiefe Getrenntheit von ihnen erleben. Auf der Suche nach grundsätzlichem Vereintsein mit den geliebten Menschen blieb sie hin- und hergerissen zwischen dem Aufgeben eigener Wünsche und Bedürfnisse und eigensinnigen Versuchen, den anderen nach ihren Wünschen zu verändern. In ihrer Angst vor dem Alleinsein war es ihr kaum möglich, eigene selbständige Entwicklungsschritte im Sinne einer Individuation zu vollziehen, so blieb sie auch in ihrem Befinden hilflos abhängig vom Befinden der geliebten Menschen und von deren Möglichkeiten, ihre Wünsche nach Zuwendung zu erfüllen. Sie formulierte: „Wenn es meinem Mann gut geht, dann geht es mir auch gut“. Dabei wurde aber sein Wohlbefinden von ihr und ihrer Vorstellung von seinem Wohlbefinden definiert, nicht durch seine individuellen Bedürfnisse. Es schien eine Art durch sie bestimmte Gemeinschaftsnorm Glück und Unglück festzustehen. „Mein Mann sagt, daß es ihm gut geht, aber ich sehe doch, daß er leidet, … warum geht er denn nicht zum Arzt, ich habe Angst, daß ihm etwas passiert.“

     

    Das Gefühl der Verlassenheit, das überstarke Verlangen nach Liebe und Zuwendung (Zuwendung, „Trost“ besserte hier sogar ihre körperlichen Beschwerden), Die Abhängigkeit von anderen Menschen beziehungsweise die Abhängigkeit von deren Liebe und Anerkennung, die starke Gefühlsbetontheit und Empfindsamkeit (und Empfindlichkeit sowie auch Verletzlichkeit), die Betonung der mütterlichen sorgenden Qualität im Konflikt mit dem Väterlich-Männlichen, ihre Angst vor Verlust und Trennung, ihre Angst vor Veränderung, weil Änderung immer Abschied bedeutet, meine Einsicht in diesen Themenkomplex, der das gemeinsame Thema der Ranunculaceae widerspiegelt, führte mich endlich auf die richtige Spur.

    An körperlichen Beschwerden bestanden immer noch rezidivierende Harnwegsinfekte mit wechselnder Symptomatik, Reizblase, Streßinkontinenz, Inkontinenz beim Husten, Lachen und Niesen, Gefühl des Abwärtsdrängens im Abdomen; wandernde Gelenksbeschwerden, wechselnde Stühle; allgemeine Hitzeunverträglichkeit, allgemeine Wechselhaftigkeit der Beschwerden. Also gab ich Pulsatilla. Das war 1995.

     

    Nun begann sich einiges zu verändern. In kleinen Schritten begann sie, die Eigenarten ihres Gatten zu akzeptieren. Vor allem gelang es ihr, sich weniger in die familiären Angelegenheiten ihrer Söhne einzumischen, reduzierte die Verpflichtungen ihren Enkelkindern gegenüber und litt nicht mehr so übermäßig mit den diversen Sorgen und Nöten ihrer Familie mit. Die Ängste wurden langsam besser, die körperlichen Beschwerden traten in den Hintergrund, sie suchte mich seltener auf. Dann hörte ich über ein halbes Jahr nichts von ihr, bis sie mich Anfang 1997 verzweifelt wegen einer heftig schmerzenden Postzosterneuralgie konsultierte. Bei einem linksthorakalen Herpes zoster war sie im Spital nach allen Regeln der Kunst mit antiviralen Medikamenten und Schmerzmitteln behandelt worden. Sie hatte alles brav und gehorsam über sich ergehen lassen und nicht daran gedacht, daß es eine alternative Behandlung zu der von der ärztlichen Autorität vorgeschriebenen Therapie geben könnte. Nun kam sie zu mir mit heftig brennenden, stechenden, schießenden Schmerzen über die ganze linke Brustseite, kaum durch Schmerzmittel beherrschbar. Äußerste Berührungsempfindlichkeit der betroffenen Brustseite, Bewegungsverschlimmerung, Verschlechterung durch Wetterwechsel, besonders durch Regenwetter, Besserung durch lokale Wärme. Die Bläschen des Herpes waren bereits abgeheilt. Sie war verzweifelt, weinerlich und ängstlich erregt wie ehedem. Nach der tränenreichen Beschreibung ihres Spitalsaufenthaltes und ihrer Schmerzen folgte wieder eine lange ausführliche Klage über ihren Mann und die Sorgen mit ihren Kindern und Enkeln. Ob sie denn ihr Pulsatilla nicht genommen hätte zu Beginn der Erkrankung oder auch zusätzlich zur anderen Behandlung? (Ich hatte ihr zuletzt Pulsatilla M in Reserve mitgegeben und für kleinere Beschwerden Pulsatilla LM6 rezeptiert). Doch, sie hätte Pulsatilla LM6 immer wieder genommen, und es wäre ihr die ganze Zeit gut damit gegangen. Beim Herpes aber habe es nichts geholfen, sodaß die andere Behandlung notwendig geworden wäre. In früheren Jahren hätte sie zwar immer wieder unter Interkostalneuralgien gelitten, nie aber habe sie bisher einen Herpes durchgemacht.

     

    Was also tun? Das Grundthema der Patientin war natürlich gleichgeblieben, wies also weiterhin auf eine Ranunculaceae hin. Die lokale Beschwerde entsprach nicht der Symptomatik von Pulsatilla, es hatte auch in diesem Fall nichts geholfen. Also machte ich mich auf die Suche nach einer Ranunculaceae, die möglichst gut auch die akute lokale Symptomatik abdeckte. Die Verordnung von Ranunculus bulbosus war naheliegend, spannend blieb für mich, wie es der Patientin mit ihren übrigen Beschwerden gehen würde, die im Bild von Ranunculus bulbosus so nicht beschrieben sind.

    Die Geschichte läßt sich nun schnell (wie der Leser schon von Beginn an vermuten konnte) zu Ende erzählen. Ranunculus bulbosus brachte in dieser Krankengeschichte einen durchschlagenden Erfolg. Seit nunmehr zweieinhalb Jahren befindet sich Frau K. auf einem gemütlichen aber sicheren Weg der zunehmenden Eigenständigkeit, was ihr mehr Freiheit im Leben und, dem Alter entsprechend, auch weitgehende körperliche Beschwerdefreiheit schenkt. Wenn sich Ängste und übermäßige Sorgen melden (davon ist sie nicht ganz frei, und es gibt immer wieder Rückschläge, in denen sie mich auch weiterhin treu aufsucht) dann hilft ihr Ranunculus bulbosus prompt, ebenso bei ihren Blasenbeschwerden, Gelenksschmerzen, einem ganz seltenen Brennen und Stechen an der linken Brustseite, bei Schlafstörungen, Infekten, und was das Leben halt so an Wehwehchen mit sich bringt. Wie lange das so bleiben wird? (Mai 99)

    S. Diez

     

    Letzter Maiabend

    butterblumengelb
    bis in den hellen himmel
    hineingebreitet
    sonnendurchtanzt
    wogt das gras
    taglang
    bis an den rand des paradieses
    süßherbes feucht
    vom teich her krötenrufe
    wie erinnertes lachen
    abendzirpen so früh schon
    und dunkelblau fällt die nacht
    in die kühlen wiesen
    sternenschweigen

     

    Einfach nicht schnell

    schau die zarten butterblumen
    einfach so dahingestreut
    kleine gelbe wiesensterne
    dieses liebe wiesenkraut
    schmückt es nicht den kranz der braut
    ziert es nicht mein butterbrot
    bringt es keinem tier den tod
    wiesenfrühling
    wiegt den wind
    singt ein liedchen
    welkt geschwind

    Mässig bewegt

    als knollig gelbe giftranunkel
    bringst du doch der kuh den tod
    machst auch mich zu einem bettler
    läßt mich durch die wiesen streifen
    träumend in den himmel greifen
    blütentrunken erdversunken
    weißt du noch von liebeswiesen?
    haben mir kein glück gebracht
    und im duftend hellen sommer
    hat mich bittres angelacht
    pflück ich dich zum blumenstrauß
    streust du deine blätter aus
    willst nur auf der wiese grünen
    und wenn ich dereinst verblühe
    stehst du dann an meinem grab?
    als ein unkrautwildes blümchen
    das ich immer lieb gehabt

     

     

     

    meist ist auf dem heller eine jungfrau eingeprägt
    die in ihrer unschuld für den staat steht und sie sieht
    wie so mancher junge münzen in der hosentasche trägt
    nahe dem erschockenen glied
    aus Wundklee von Jan Skácel